"Zur Beerdigung meiner Patientin ging ich als Freund"

Heiko Matamaru (43), Ambulanter Pflegedienst Aktiv

Meine Geschichte handelt von Ännie M. Wir zwei haben uns gar nicht gut verstanden. Kaum jemand hat sich mit ihr vertragen, weil sie eine verbitterte und wütende Frau war, die ständig meckerte und an allem etwas auszusetzen hatte. Ich habe damals als Dauernachtwache gearbeitet und Frau M. schellte regelmäßig drei- bis viermal in der Nacht. Meine Kollegin und ich stritten immer, wer denn jetzt zu ihr musste.

Doch alles änderte sich, nachdem sie schwer gestürzt war. Nach kurzem Krankenhausaufenthalt kam sie wieder in unsere Senioreneinrichtung zurück, aber sie wollte nicht mehr aufstehen, lehnte alle Mahlzeiten und Getränke ab und redete kein Wort mehr. Sie hatte sich entschieden zu sterben.

Es gab viele Gespräche im Team und mit dem Hausarzt. Angehörige hatte sie nicht. Auch mit ihr haben wir versucht zu sprechen, aber sie kniff nur die Augen und den Mund zu und sagte weiterhin kein Wort. Gemeinsam haben wir dann beschlossen, dass wir ihren Willen respektieren würden. Die Dauermedikation wurde abgesetzt und eine Bedarfsmedikation zur Symptomkontrolle angeordnet. Frau M. wurde nun palliativ versorgt. Getränke und Mahlzeiten wurden ihr weiterhin angeboten, doch außer wenigen Schlucken Limo lehnte sie weiterhin alles ab. Doch mit unserer Entscheidung hatte sich auch ihr Verhalten geändert. Wenn ich nun zur Versorgung kam und sie kurzfristig wach wurde, lächelte sie und blickte mich freundlich an.

In ihrer letzten Nacht verbrachte ich fast die ganze Zeit bei ihr. Meine Kollegin hatte den Großteil der Rundgänge allein gemacht, während ich bei Frau M. saß, ihr vorsichtig die Lippen und den Mund anfeuchtete, das Gesicht wusch oder ihr etwas gegen die Schmerzen gab, wenn sie unruhig wurde und stöhnte. Obwohl ich selbst Buddhist bin, las ich ihr aus der Bibel vor, die auf ihrem Nachtschrank stand. Ich hatte einfach den Eindruck, dass es sie beruhigte. Am frühen Morgen verstarb Frau M. friedlich und ruhig, während ich das Vaterunser für sie betete.

Zu ihrer Beerdigung ging ich als ihr Freund. Ich war dankbar, dieser Person begegnet zu sein und wertvolle Zeit mit ihr verbracht zu haben. Noch heute denke ich gerne an sie zurück. Es sind diese tiefen Begegnungen mit Menschen, die mich an meiner Arbeit faszinieren und für die ich meinen Beruf liebe.