"Auf einmal musste ich über Menschenleben mitentscheiden"

Johannes Przybilla (21), Universitätsklinik Heidelberg

Nachdem ich mein Examen im April 2018 erfolgreich bestanden hatte und die ersten Monate auf Intensivstation eingearbeitet wurde, merkte ich, wie viel Verantwortung ich als „frisch examinierte“ Pflegekraft habe. Die ersten Wochen auf Intensivstation verbrachte ich damit, mich zurecht zu finden und mich nochmals zu orientieren, da ich als Schüler schon in der Orthopädie meinen Intensiveinsatz gemacht hatte.

Als ich eines Morgens zum Frühdienst kam, übergab mir meine Kollegin einen Patienten, der an diesem Tag operiert werden sollte. Er schien körperlich fit; selbstständig versuchte er sich täglich zu mobilisieren und machte einen sehr motivierten Eindruck. Nach der Übergabe ging ich in das Patientenzimmer, kontrollierte alle technischen Geräte und machte mir ein Bild vom Patienten. Er erschien mir ruhiger als in den letzten Tagen, er verschluckte sich an seinen Medikamenten, und es fiel ihm schwer, sich über seinen aktuellen Zustand zu äußern. Er war keinesfalls verwirrt, sondern „nur“ in seinem Tun verlangsamt. Mich überraschte dies sehr, da ich ihn ja anders kennengelernt hatte. Sofort wurde das Ärzteteam eingeschaltet, diagnostische Maßnahmen eingeleitet und schnell bemerkt: Da stimmt was nicht. Nach einem CT und den darauffolgenden Befunden war klar: Basilaristhrombose. Notfallmäßig wurde der Patient verlegt, und ich sah ihn vorerst nicht mehr.

Nach drei Wochen kehrte der Patient zu uns in die Orthopädie zurück, - in deutlich verschlechtertem Allgemeinzustand - um seine frakturierte Schulter auszuversorgen. Als ich ihn zum ersten Mal wieder zu Gesicht bekam, bemerkte ich, dass nun alles anders war. Der damals fitte Patient war in seiner Lebensqualität deutlich eingeschränkt, konnte sich weder selbst versorgen noch seine Bedürfnisse und Wünsche äußern. Nicht nur ich als Pflegekraft war über diesen Verlauf sehr schockiert, sondern auch die Angehörigen. Die Ehefrau und die Kinder fanden sich nur schwer mit der Situation zurecht.

Nachdem Tage vergingen und die Situation des Patienten sich keinesfalls verbesserte, war es an der Zeit, zu überlegen, welchen Sinn die aktuelle Therapie hat. Somit wurde an einem passenden Tag ein Perspektivengespräch einberufen mit einer zuständigen Pflegekraft, einem Facharzt und den Angehörigen. Als dann die Ehefrau, der Sohn und die Tochter eintrafen, bat die Ärztin die zuständige Pflegekraft (also mich), die Angehörigen in einen Raum zu bringen, in dem wir in Ruhe reden konnten. Plötzlich war mir klar: Ich sitze da mit in dem Gespräch und repräsentiere damit das komplette Pflegeteam. Ab da begann ich darüber nachzudenken, ob dies die richtige Entscheidung war, dort mit in das Gespräch zu gehen. Keinesfalls war es eine falsche Entscheidung! Nun saß ich da neben den engsten Vertrauten des Patienten und entschied über ein Menschenleben mit. Von hochemotionalen bis hin zu vertrauten Diskussionen entschieden wir uns „gemeinsam“ für einen Weg, der uns allen – im Sinne des Patienten – in Erinnerung bleiben wird. Dieses 30-minütige Gespräch prägte sich dermaßen in meinen Kopf ein, und ich merkte, wie viel Mitbestimmungsrecht, Vertrauen und Verantwortung ich in diesem Beruf habe – und das mit gerade mal 21 Jahren.

Ich bin unglaublich dankbar für solche Erfahrungen, weil sie mich nicht nur auf der Arbeit, sondern auch im privaten Leben weiterbringen. Natürlich sind gerade diese Momente nicht einfach zu verarbeiten, trotzdem empfinde ich sie als unglaublich wichtig in meiner Laufbahn als examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger.