Wenn zwei Herzen sich vereinen und für immer zusammenbleiben…

Sylwia Stypa (35), Prosper-Hospital Recklinghausen

Vor einem Jahr hatte ich einen sehr dementen Patienten auf meiner Station. Der Mann lebte bereits seit mehreren Jahren im Pflegeheim. Seine körperliche Verfassung ließ es zu, ihn in den Rollstuhl zu mobilisieren. Allerdings benötigte er viele Orientierungshilfen, da er mit der Situation im Krankenhaus sehr überfordert schien.

Zwei Tage nach seiner Aufnahme fiel mir auf, dass er in der gesamten Zeit keinerlei Besuch bekam. Ich rief bei der hinterlegten Nummer seiner Ehefrau an. Es ging aber niemand dran. Am nächsten Tag rief ich nochmals an, und wieder erreichte ich niemanden. Dann rief ich im Pflegeheim an, um zu erfragen, ob es noch weitere Kontakte gibt, die dem älteren Herrn vielleicht bekannt vorkommen und ihn in seiner Orientierungslosigkeit auffangen könnten. Doch die Aussage von den Kollegen im Heim war nur, dass es eine Ehefrau gibt, diese jedoch informiert wurde, dass der Ehemann ins Krankenhaus gekommen sei. Bislang hätten sie aber nichts von ihr gehört.

Durch einen glücklichen Zufall – ich nenne es mal Schicksal – las ich auf dem OP-Programm denselben Nachnamen, wie den meines Patienten. Ich fragte auf der Station nach, ob die Patientin bereits im OP wäre. Die Kollegin sagte: „Nein, sie ist noch hier.“ Ich bat sie, ins Zimmer zu gehen und zu erfragen, ob sie die Ehefrau meines Patienten war. Und genau so war es. Die beiden lagen im selben Krankenhaus, getrennt durch drei Stationen. Beim Nachfragen erzählte die Frau, dass sie auf dem Weg zum Heim war, um Sachen für ihren Mann zu holen und nachzufragen, warum und in welches Krankenhaus er gekommen war. Dabei stolperte sie und brach sich den Oberschenkel. Sie wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Da es keine weiteren Angehörigen gab, wusste sie nichts über ihren Ehemann. Ich nutzte die Situation und fuhr den Patienten im Rollstuhl zu seiner Ehefrau. Die Reaktion der beiden war herzergreifend. Als hätte mein Patient auf einmal alle Sinne beisammen, erkannte er seine Frau sofort und konnte sich mit seiner wenigen Kraft aus dem Rollstuhl aufrichten, zu ihr vorbeugen und ihr einen Kuss auf den Mund geben.

Nach kurzem Gespräch wurde die Patientin in den OP abgerufen. Sie küssten sich noch einige Male, bevor ihre Wege sich trennten.

Ich hatte meinen Patienten wieder ins Zimmer gebracht, und er äußerte den Wunsch, ins Bett zu gehen und zu schlafen. Ich legte ihn ins Bett und verließ das Zimmer. Bei der nächsten Kontrolle kam das Unverhoffte: Mein Patient war für immer eingeschlafen. Als ich auf der Station seiner Frau angerufen habe, um den Kollegen die Nachricht zu übermitteln, sagten diese, dass seine Ehefrau noch in der Einleitungsphase der Narkose einen Herzinfarkt bekommen hatte und verstorben war.

Beide sind fast zeitgleich verstorben.

Fazit:

Manche Zufälle sind Schicksal. Diese Situation hat mir gezeigt, dass wir als Pflegende manchmal an so einem Schicksal beteiligt sind. Und auch wenn die Zeit gegen uns läuft und wir die Menschen nicht heilen und überleben lassen können, können wir sie manchmal genau auf so einem Weg begleiten, um sie dann für immer zu vereinen.