Antworten auf die Fragen der BILD

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe im Gespräch mit den beiden Vorständen der Stiftung der Deutschen Krebsgesellschaft, Dr. Johannes Bruns, und der Deutschen Krebshilfe (DKH), Gerd Nettekoven, über Fortschritte und Aufgaben in der Patientenbetreuung.

BILD: Herr Minister, durch Früherkennungsuntersuchungen kann die Überlebenschance krebskranker Menschen erheblich verbessert werden. Wie schaffen wir es, dass mehr Menschen zur Vorsorge gehen?

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe: Indem wir sie persönlich ansprechen. Diesen Weg gehen wir bei der Brustkrebs-Vorsorge, zu der Frauen ab 50 Jahren alle zwei Jahre eingeladen werden. Und diesen Weg wollen wir bald auch bei der Darmkrebs- und Gebärmutterhalskrebsvorsorge gehen. Die Krankenkassen- und Ärzteverbände arbeiten gerade mit Hochdruck an diesen Früherkennungsprogrammen. Patienten sollen dann gezielt dazu eingeladen werden, wenn sie im entsprechenden Alter sind.

Die Vorsorge zu verbessern ist auch Ziel des Nationalen Krebsplans, an dem seit 2008 kontinuierlich gearbeitet wird. Nach fast zehn Jahren – wie ist Ihre Bilanz?

Gröhe: Es ist ein großer Erfolg, dass sich für den Nationalen Krebsplan alle an der Krebsversorgung Beteiligten – von den medizinischen Fachgesellschaften bis zu den Patientenorganisationen – auf gemeinsame Ziele geeinigt haben und an diesen arbeiten. So haben wir einen Musterlehrplan für das Arzt-Patienten-Gespräch bei einer Krebsdiagnose entwickelt, der jetzt Teil des Medizinstudiums werden soll. Denn einem Patienten zu vermitteln, dass er schwer oder gar unheilbar krank ist, verlangt viel Einfühlungsvermögen. Wir haben wichtige Verbesserungen bei der Schmerzbehandlung und Sterbebegleitung auf den Weg gebracht. Und wir bauen deutschlandweit klinische Krebsregister auf, in denen wichtige Behandlungsdaten erfasst werden, um die Versorgung weiter zu verbessern.

Gerd Nettekoven (Deutsche Krebshilfe): Die klinischen Krebsregister sind wichtig, damit überall in Deutschland Patienten gleich gut behandelt werden. Dafür können wir im Moment noch nicht garantieren. Wir müssen dafür sorgen, dass von der Spitzenmedizin an den großen Krebszentren auch kleinere Zentren beziehungsweise Krankenhäuser profitieren. Beispielsweise durch die Telemedizin. Ganz wichtig ist auch, aktuelle Erkenntnisse aus der Forschung sehr schnell in die Standardtherapie zu bringen, um allen Patienten die für sie beste Therapie zugänglich zu machen.

Mehr als vier Millionen Deutsche haben oder hatten Krebs – aber auch wenn die Krankheit überstanden ist, bleiben oft weiter Fragen und Probleme. Gibt es genug Beratungsangebote?

Nettekoven: Es gibt gute Beratung an vielen Krebszentren, außerdem den Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums und das Infonetz Krebs von Krebshilfe und Krebsgesellschaft. Aber der Bedarf nach Beratung und guten Informationen ist dermaßen groß, dass wir ihn derzeit trotzdem nicht decken können.

Gröhe: Ein wichtiges Ziel des Nationalen Krebsplans ist deshalb, die Beratung und Hilfe bei der Krankheitsbewältigung für alle Patienten zugänglich zu machen und gesichert zu finanzieren. Wer mit einer Krebserkrankung lebt, braucht eine gute und persönliche Begleitung. Und Studien zeigen, dass fast jeder dritte Betroffene bei oder nach der Behandlung seelische Unterstützung braucht. Wir müssen früh in der Behandlung rausfinden, wer dazugehört, und dann gezielt und rechtzeitig Hilfe vermitteln.

Dr. Johannes Bruns (Stiftung der Deutschen Krebsgesellschaft): In Baden-Württemberg wurde dazu gerade ein Projekt gestartet, in dem Kassen, Selbsthilfegruppen und Ministerium Gelder zusammenlegen, um flächendeckend solche Beratung zu ermöglichen. Die Verarbeitung von Krebs ist komplex und dauert lange. Das muss als gesamtgesellschaftliche Aufgabe erkannt werden.

Viele Krebspatienten informieren sich auch im Internet über ihre Krankheit. Ist das Fluch oder Segen?

Gröhe: Beides. Das Netz ist eine große Chance. Etwa, wenn sich Patienten mit seltenen Krebserkrankungen weltweit vernetzen und austauschen können. Allerdings gibt es auch viele Scharlatane, die im Internet die Not krebskranker Menschen ausnutzen. Deshalb ist es wichtig, verständliche und verlässliche Beratungsangebote dagegenzusetzen. Daher ist es gut, dass die Stiftung der Deutschen Krebsgesellschaft zusammen mit BILD das Gesundheitsportal Brustkrebs startet.

Bruns: Mit dem neuen Brustkrebsportal wollen wir Menschen in einfacher, aber umfassender Weise helfen. Wir holen sie im Internet mit guten Inhalten ab, und das möglichst niederschwellig. Erstmals wird es dabei beispielsweise Arzt-Patienten-Chats geben, an denen man sich aktiv beteiligen, die man aber auch einfach nur mitlesen kann, um sich zu informieren. Die Stiftung der Deutschen Krebsgesellschaft garantiert dabei die Qualität der Informationen.

Kann der Gesetzgeber dazu beitragen, den Informationsdschungel im Netz zu lichten?

Gröhe: Wir müssen es leichter machen, das Gute zu finden. Deshalb planen wir ein Nationales Gesundheitsportal, das vertrauenswürdige, wissenschaftlich belegte und unabhängige Gesundheitsinformationen zusammenführt. Wir haben das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen beauftragt, dafür ein Konzept zu erarbeiten. 2018 soll das Gesundheitsportal starten.

Das Gespräch führten Sarah Majorczyk und Hanno Kautz