Antworten auf die Fragen der Wochenzeitung DIE ZEIT

Bundesgesundheitminister Hermann Gröhe über das erste G20-Gesundheitsministertreffen und der Vorreiterrolle Deutschlands in der internationalen Gesundheitspolitik

DIE ZEIT: Herr Gröhe, Sie sind am Wochenende Gastgeber des G20-Gesundheitsministertreffens, das im Vorfeld des G20-Gipfels im Juli globale Gesundheitsfragen diskutieren soll. Was sind aus Ihrer Sicht die brennendsten Fragen?

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe: Es wird auf dem Treffen zwei Schwerpunkte geben. Der eine steht unter der Überschrift: Aus der Ebola-Krise lernen. Da geht es darum, die Krisenreaktionsfähigkeit bei Gesundheitsgefahren zu stärken. Der andere Schwerpunkt sind die zunehmenden Resistenzen gegen Antibiotika. An beiden Themen wird deutlich, wie das Lokale und das Globale im Gesundheitswesen zusammenhängen.

Zum Beispiel?

Nehmen Sie den Gebrauch von Antibiotika. Da geht es um die Behandlung in der Arztpraxis, um die kluge Beratung in der Apotheke und die Hygiene im örtlichen Krankenhaus. Gleichzeitig müssen wir den weltweiten Einsatz von Antibiotika bei Mensch und Tier in den Blick nehmen, weil resistente Keime nicht an Landesgrenzen haltmachen.

Bestand über diese Themen von vornherein Einigkeit oder war es schwer, die Teilnehmer unter einen Hut zu bringen?

Uns sind anfangs schon Zweifel begegnet, ob die G20 überhaupt ein geeigneter Rahmen für globale Gesundheitsfragen ist.

Woher kamen diese Zweifel?

Wir mussten außerhalb der G7 viel Überzeugungsarbeit leisten, das will ich gar nicht auf ein einziges Land beschränken. Hier und da gab es Befürchtungen zu stark unter Rechtfertigungsdrang zu geraten. Inzwischen bejahen alle das Thema Gesundheit. Wir ringen aber noch um möglichst konkrete Fortschritte.

Was wäre solch eine konkrete Lösung?

Um Resistenzen vorzubeugen, ist es wichtig, dass Antibiotika nur nach einer Verschreibung durch ausgebildetes Personal angewandt werden. Und auch die Anwendung von Hygienemaßnahmen muss verbessert werden. Die G20-Agrarminister haben sich im Januar auf das Ziel verständigt, den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung auf therapeutische Zwecke zu beschränken. Antibiotika sollen also nicht mehr zur Wachstumsförderung eingesetzt werden. In der EU gilt dies schon seit 2006. Wir wollen jetzt erreichen, dass auch Länder in Lateinamerika und Asien mit ihren riesigen Landwirtschaften mitmachen.

Man könnte einwenden, dass die Themen Antibiotikaresistenz und Seuchenvorsorge nicht gerade neu sind…

…aber es ist zu häufig immer noch so, dass nach dem Schock über einen gefährlichen Krankheitsausbruch zur Tagesordnung übergegangen wird. Deshalb haben wir die globale Gesundheit auf die Tagesordnung der G7 und G20 gesetzt.

Warum strebt Deutschland eine Vorreiterrolle in der internationalen Gesundheitspolitik an?

Wenn sie an Namen wie Robert Koch denken oder an die Spitzenleistungen bei der Erforschung von Tropenkrankheiten, haben wir in dieser Beziehung eine große Tradition - und Verantwortung.

Dennoch war Deutschland auf diesem Gebiet lange Zeit nicht sichtbar. Im Kampf gegen Epidemien steht seit Jahrzehnten die amerikanische Seuchenschutzbehörde CDC weltweit an vorderster Front. Auch die Briten verfolgen eine sehr aktive globale Gesundheitspolitik. Selbst Norwegen hat in dieser Hinsicht eine längere Tradition als Deutschland.

Gröhe: Das ändert ja nichts an der Tatsache, dass bei Ebola die Völkergemeinschaft als Ganzes nicht schnell genug reagiert hat. Wir waren übrigens das erste Land, das während der Ebola-Krise erkrankte internationale Helfer aus Afrika im eigenen Land behandelt hat. Das hat international große Anerkennung gefunden.

Der deutsche Ebola-Krisenkoordinator Walter Lindner kritisierte dennoch, dass die Bundesrepublik – gelinde gesagt – nicht optimal reagiert hat, sondern zu spät und zu unkoordiniert. Nun flackert die Seuche in der Demokratischen Republik Kongo erneut auf.

Es ist gut, dass man nach so einer Krise nicht nur auf andere in Westafrika oder auf die WHO in Genf zeigt, sondern auch fragt, was bei uns selbst besser werden muss. Wir alle müssen die Zeit jetzt nutzen, um uns auf die nächste Krise, die sicher kommen wird, vorzubereiten. Und über die WHO helfen wir aktuell auch in der Demokratischen Republik Kongo.

Was müsste man verbessern?

Jede Feuerwehr übt den Brandfall. Wir brauchen Übungen und ein internationales Verteidigungsbündnis gegen globale Gesundheitsgefahren. Deshalb werden wir bei unserem Treffen mit den G20-Gesundheitsministern und der Weltgesundheitsorganisation WHO den Ernstfall einer tödlichen Krankheit proben, die sich über die Atemwege verbreitet und droht, sich global auszubreiten. So stellen wir die nationalen und internationalen Informationsflüsse und Entscheidungswege auf den Prüfstand.

Welche Lehren haben Sie aus der Ebolakrise noch gezogen?

Wir haben gemeinsam mit Frankreich das "European Medical Corps" gegründet, das zum Beispiel mit schnell einsetzbaren Experten aus dem Bernhard-Nocht- und dem Robert Koch-Institut bei einem Gelbfieber-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo im letzten Jahr geholfen hat. Wir sind bislang Geberland Nummer 1 beim Krisenfond der WHO. Und wir haben unseren freiwilligen Beitrag für die WHO in diesem Jahr von fünf auf 35 Millionen Euro erhöht – neben dem Pflichtbeitrag von knapp 30 Millionen Euro. Es geht aber nicht nur um Geld. Wir brauchen darüber hinaus eine Strategie für die internationale Gesundheitssicherheit - daran arbeiten wir.

Und woher soll die Expertise für die neue globale Gesundheitspolitik kommen? Das Fach wird an deutschen Universitäten kaum irgendwo unterrichtet.

Aber da tut sich was. Ich habe im vergangenen Jahr bei der Eröffnung eines Studiengangs "Global Health" an der Universität Bonn gesprochen. Und viele deutsche Forschungseinrichtungen haben Partner in Entwicklungs- und Schwellenländern, gefördert vom Bundesforschungsministerium.

Kam das neue Interesse an solchen Fragen auch durch die Begegnungen von Angela Merkel und Bill Gates zustande, der sich als Philanthrop auf diesem Gebiet extrem engagiert?

Dass sich Unternehmer wie Bill Gates für die globale Gesundheit einsetzen, hat wahrlich Respekt verdient. Das klare Bekenntnis von Angela Merkel zu den Themen Forschung, Gesundheit und Entwicklung ist ein starkes Zeichen der internationalen Verantwortung unseres Landes. Es war aber auch stets ein besonderes Anliegen der Bundeskanzlerin, in deren bisheriger Amtszeit der Forschungs- und Entwicklungshilfe-Etat besonders stark angestiegen sind.

Der Kampf gegen Epidemien erfordert eine intensive internationale Kooperation. Wie passt das in eine Welt, in der der Nationalismus zunimmt und der amerikanische Präsident »America first« ruft?

Ich war bewusst sehr früh beim neuen amerikanischen Gesundheitsminister und habe für eine enge Zusammenarbeit geworben. Abgesehen davon gilt bei der globalen Gesundheit aber: Jedes Land, dass sich diesem Thema verweigert, schadet auch sich selbst. Denn Krankheiten kennen keine Grenzen. Nehmen Sie die Ausbreitung des Zika-Virus in Lateinamerika: Das Virus wird ja durch Mücken übertragen, die es auch im Süden der USA gibt. Deshalb war es auch wohlverstandenes Eigeninteresse, dass die Amerikaner zur Bekämpfung des Virus sehr schnell große Summen in die Hand genommen haben.

Nicht alle Länder wägen Nutzen und Aufwand so rational ab. Manche verweigern sogar die internationale Zusammenarbeit im Krisenfall und halten Informationen zurück.

Stimmt. Wenn es in Teilen der früheren Sowjetunion bei der Eindämmung von HIV/AIDS und Tuberkulose am politischen Willen mangelt, dann ist das nicht nur für diese Länder ein Drama. Auch wir müssen uns über die Zunahme von arzneimittelresistenter Tuberkulose in diesen Ländern Sorgen machen, denn wir sind wahrlich nicht weit weg.

Zur Krisenvorbereitung gehört auch die rechtzeitige Produktion von Impfstoffen. Vor dem Ebola-Ausbruch gab es in Deutschland einen vielversprechenden Kandidaten für eine Vakzine, der aber sehr verspätet weiter entwickelt wurde.

Deutschland hat die Entwicklung des Ebola-Impfstoffes am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf gefördert. Auch das Paul-Ehrlich-Institut war daran beteiligt. Das hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der Impfstoff heute in Burgwedel hergestellt werden kann. Wir wissen nicht, wann die nächste Gesundheitskrise kommt und wie das Virus aussieht. Wir müssen aber Vorbereitungen dafür treffen. Bei den Impfstoffen tun wir das, indem wir zusammen mit anderen Staaten, der WHO, der EU, Forschungseinrichtungen, Impfstoff-Herstellern und privaten Geldgebern die Entwicklung von Impfstoffen für besonders gefährliche Erreger über die weltweite Allianz CEPI (Coalition for Epidemic Preparedness Innovations) vorantreiben.

Wäre eine staatliche Impfstoff-Produktion, wie früher gegen Gelbfieber, nicht sinnvoller?

Gerade bei Impfstoffen wird deutlich: Wir brauchen die Zusammenarbeit von Staaten und Unternehmen. Wir brauchen Forschung, internationale Strukturen, aber auch den Einsatz von Pharma-Unternehmen, die übrigens dreistellige Millionenbeträge in die Produktion von Ebola-Impfstoffen gesteckt haben.

Im Fokus der Entwicklungshilfe standen lange Zeit übertragbare Krankheiten wie Malaria. Inzwischen sind in den Entwicklungsländern aber Herzinfarkte, Diabetes und Krebs auf dem Vormarsch. Stimmen die Prioritäten noch?

Durch die Zunahme vieler lebensstilbedingter Krankheiten wird auch in diesen Ländern Gesundheitsvorsorge und Prävention immer wichtiger. Es muss deshalb darum gehen, dass wir den Staaten helfen, starke Gesundheitswesen vor Ort aufzubauen - was wir nun verstärkt tun. Im Rahmen der deutschen G7-Präsidentschaft haben wir vereinbart, 76 Staaten weltweit zu unterstützen.

Gute Gesundheitssysteme berücksichtigen die Bedürfnisse der Bürger. In vielen Entwicklungsländern aber fehlt den Menschen ein demokratisches Mitspracherecht, etwa bei der Verteilung von Spendengeldern. Sehen Sie das als Problem?

Wenn in Guinea der Präsident die »Ärzte ohne Grenzen« ausweisen lassen will, weil diese angeblich mit Falschmeldungen dem Ansehen seines Landes schaden, ist das ein Problem. Eine Antwort ist, die Zivilgesellschaften zu stärken. Gesundheit und Bildung gehören gerade in den ärmsten Ländern zwingend zusammen.

Ein Bedürfnis vieler Menschen wäre auch der freie Zugang zu Verhütungsmitteln und zu sicheren Abtreibungen. Nun hat Donald Trump die so genannte Global-Gag-Rule wieder in Kraft gesetzt: Jeder Organisation, die in irgendeiner Weise Schwangerschaftsabbrüche unterstützt, werden die Gelder der amerikanischen Regierung gestrichen. Acht Länder, darunter Kanada, sind dafür finanziell eingesprungen. Warum Deutschland nicht?

Wir leisten in der Entwicklungshilfe wahrlich beachtliches - etwa mit einem neuen Programm "Gesundheit in Afrika" mit rund 600 Millionen Euro bis 2019. Aber wir sind kein Ausfallbürge für andere Länder.

Sie hätten die Vorreiterrolle Deutschlands mit Engagement in der Sache unterstreichen können?

Wir bauen ja unseren Einsatz ganz erheblich aus - auch indem wir die deutsche Unterstützung für die globale Impfallianz Gavi und den Global Fund massiv aufstocken.

Was erhoffen sie sich von dem G20-Treffen?

Erst einmal, dass alle hinterher sagen: »Das hätten wir früher tun sollen«. Zweitens, dass die ständige Angst aufhört, ein solcher Austausch setze Einzelne auf die Anklagebank. Jeder hat seine Hausaufgaben zu machen. Aber wir können sie nur erfüllen, wenn wir zusammenarbeiten.

Das Interview führte Harro Albrecht.