im Gespräch für das alverde Magazin

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe und Dr. Eckart von Hirschhausen im Dialog über die Bedeutung von Politik und Gesellschaft, Pflege und Prävention

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe: Haben Sie sich schon einmal überlegt, was Sie tun würden, wenn Sie Gesundheitsminister wären?

Dr. Eckart von Hirschhausen: Gute Frage! Ich würde sehr viel Geld in die Gesundheitsbildung und Prävention stecken. Die Medizin ist auf einem Irrweg, wenn sie Milliarden in Grundlagenforschung investiert, ohne sich zu fragen, was von diesem Wissen bei den Menschen ankommt. Während meiner Arbeit in der Kinderheilkunde habe ich gemerkt: Die Eltern, die ihre Kinder pünktlich zu allen U-Untersuchungen bringen, sind nicht die, um die wir uns kümmern müssen. Sondern um das Fünftel unserer Gesellschaft, das fast schon resigniert hat. Der Unterschied in der Lebenserwartung von bildungsfernen und bildungsnahen Menschen beträgt ganze zehn Jahre. Ich kenne kein Medikament, das so einen Unterschied macht wie Bildung. Also, ich würde als Minister das Budget fürs Präventionsgesetz noch weiter aufstocken. Auch wenn ich weiß, dass es lange gedauert hat, es überhaupt auf den Weg zu bringen ...

Gröhe: ... Zehn Jahre haben wir darüber diskutiert. Aber das, was wir jetzt haben, geht genau in die Richtung, die Sie beschreiben. Wir dürfen nicht nur die Leute ansprechen, die schon heute Volkshochschulkurse zu gesunder Ernährung besuchen. Sondern wir müssen vor allem die erreichen, die sich sonst keinen Kopf machen, wie’s um ihre Gesundheit steht. Deshalb ist Präventionsarbeit in den Kitas, Schulen und am Arbeitsplatz so wichtig. Gutes Schulessen kann zum Beispiel Lust auf gesunde Ernährung machen und das richtige Sportprogramm zu mehr Freude an Bewegung führen.

Hirschhausen: Es gibt noch etwas, was ich als Minister verändern würde ...

Gröhe: Nur zu!

Hirschhausen: Ich würde die Pflege stärken. Als ich als junger Arzt meine ersten Nachtschichten hatte, war das Wichtigste: welche Schwester hat mit mir Dienst? Pflegekräfte leisten unglaublich viel – angefangen von einer guten Wundversorgung bis hin zu den Patientengesprächen. Doch im gegenwärtigen System der Fallpauschalen wird das überhaupt nicht honoriert.

Gröhe: Eine gute Pflege kann nur gelingen, wenn wir unseren Pflegekräften den Rücken stärken. Die gute Nachricht ist: Noch nie haben so viele Menschen wie heute eine Ausbildung in einem Pflegeberuf gemacht. Die große Verantwortung der Politik, der Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen ist, die Bedingungen so zu gestalten, dass die Schülerinnen und Schüler von heute in einem Jahrzehnt sagen: Die Ausbildung war die richtige Entscheidung. Wichtig sind daher gute Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen und eine faire Bezahlung - dafür kämpfe ich. Deshalb unterstützen wir Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen dabei, dass sie mehr Pflegepersonal einstellen können, unnötige Bürokratie abgebaut wird und Pflegekräfte fair bezahlt werden. In Krankenhausbereichen, in denen das für die Patientensicherheit wichtig ist und bei der Besetzung im Nachtdienst müssen in Zukunft verbindliche Untergrenzen für Pflegepersonal eingeführt werden. Und wir arbeiten daran, dass die Pflegeausbildung attraktiver wird mit mehr Berufs- und Aufstiegschancen, damit sich noch mehr junge Menschen für diesen Zukunftsberuf entscheiden. Zugleich brauchen wir top ausgebildete Ärztinnen und Ärzte, die die kompliziertesten OPs durchführen können und sogar noch mehr Wissenschaftler in der Grundlagenforschung, die uns helfen etwa Alzheimer und Krebs noch besser zu verstehen.

Hirschhausen: Um Alzheimer vorzubeugen ist das Beste, was wir als Menschen zwischen 40 und 60 tun können, einen Tanzkurs zu besuchen. Es gibt bis heute keine Pille gegen diese Krankheit und wer meint, dass es die irgendwann geben wird, unterschätzt die Komplexität unseres Gehirns. Alzheimer kann man am besten vermeiden, indem man ein zufriedenes Leben führt, lernt mit Stress umzugehen und Dinge tut, an die man glaubt wie zum Beispiel sich ehrenamtlich für andere zu engagieren.

Gröhe: Auch verheiratete Männer leben erwiesenermaßen länger. Zum Glück braucht man nicht für alles, was richtig gesund ist ein Rezept! Und was den Fortschritt bei Arzneimitteln angeht, bin ich zuversichtlicher als Sie.

Hirschhausen: Was muss passieren, damit Ärzte in der Ausbildung lernen, wie wichtig das gesprochene Wort ist? Jeder Satz, den ich zu einem Medikament sage, kann dessen Wirkung um 30 Prozent steigern oder zunichte machen.

Gröhe: Richtig. Deshalb ist ein verständliches Arzt-Patienten-Gespräch auch so wichtig! Wir stärken jetzt diese Gesprächsfähigkeit in der Medizinerausbildung. Und wir wollen auch soziale Fähigkeiten bei der Studienplatzvergabe noch mehr berücksichtigen. Denn was nützt die beste Diagnose, wenn ich meinen Arzt nicht verstehe?

Hirschhausen: Wir müssen weg von Medizin als geheimes Herrschaftswissen. Jeder einzelne muss wissen, was er tun und lassen kann. Wir haben uns ja heute im Erasmus-Gymnasium getroffen, weil die Schüler hier Wiederbelebung gelernt haben: mit einfachen Handgriffen ein Leben retten. Es braucht dafür 2 Schulstunden im Jahr, dann können es alle! Nach ausgiebigem Ringen haben die zuständigen Stellen in Deutschland zugestimmt. Trotzdem wissen wir, dass es noch nicht überall passiert. Wird da nicht auch ein erfahrener Politiker manchmal irre, wenn Beschlossenes nicht umgesetzt wird?

Gröhe: Klar wünsche ich mir manchmal, dass es schneller geht. Andererseits sind Freiräume für kluge Entscheidungen vor Ort oft wichtiger als zentrale Vorgaben. Zudem haben wir ein sehr gutes Gesundheitswesen, auf das wir stolz sein können. Deshalb ist es richtig, es schrittweise fortzuentwickeln. Und die Politik braucht auch die Ungeduld und die Ideen der Bürger. Und ihr Mittun! Tausende haben in der Hospizarbeit einfach losgelegt, bevor wir sie von Seiten der Politik immer stärker unterstützt haben.

Hirschhausen: Das war beim Thema Humor im Krankenhaus sehr ähnlich. Das begann als "Graswurzelbewegung" und wurde anfangs belächelt. Inzwischen gehören Clowns, Musiker, Vorleser und Geschichtenerzähler auf vielen Stationen mit dazu, bei jung und alt. Dinge lassen sich verändern, wenn Menschen nicht nur meckern, sondern machen. Können Sie Ihren Kindern eigentlich noch guten Gewissens empfehlen, sich politisch zu engagieren?

Gröhe: Auf jeden Fall! Einsatz lohnt sich immer - das fängt schon im Alltag an: Es gibt keine Elternvertretung, die wegen Überfüllung geschlossen wäre. Es gibt keine Betriebsratswahl, bei der man sich nicht freuen würde, wenn noch mehr mitmachen. Vieles, was ich in meinem Beruf als Anwalt gebraucht habe, habe ich nicht im Jurastudium gelernt, sondern durch meine Arbeit in Fachschaft, Kirchengemeinde oder politischer Jugendorganisation: zuhören, für die eigene Meinung streiten und gute Kompromisse finden.