Antworten auf die Fragen der Neuen Osnabrücker Zeitung

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe über Personaluntergrenzen in Kliniken, Arzneimittelversorgung und Landarztquoten bei der Medizin-Studienplatzvergabe

Neue Osnabrücker Zeitung: Herr Gröhe, Gesundheitspolitik ist ein Reizthema. „Wutärzte“ protestierten gegen Ihre Vorgängerin Ulla Schmidt.  Wie viele Hassmails bekommen Sie?

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe: Von Ärzten gar keine. Da ist der Austausch von gegenseitiger Wertschätzung geprägt. Besorgt stimmt mich eher der Umgang, der mitunter in den sozialen Medien zu beobachten ist: So manche fremdenfeindliche Hassattacke ist wirklich beschämend. Etwas anderes ist, wenn sich die Trauer über den Verlust eines Angehörigen mit der Wut über einen vermuteten Behandlungsfehler mischt. Da muss nicht jedes Wort auf die Goldwaage.

Gab es schon Morddrohungen?

Nein.

Sie sind nicht zimperlich, wenn es um Vorschriften geht. Akzeptieren Kliniken, dass Sie Personaluntergrenzen und  Mindeststandards in der Pflege vorschreiben wollen?

Alle Kliniken wissen, dass die Stationspflege verbessert und dafür auch mehr Geld in die Hand genommen werden muss. Wir unterstützen die Kliniken mit 830 Millionen Euro pro Jahr dabei, mehr Pflegepersonal zu beschäftigen. Wo es für die Patientensicherheit im Krankenhaus wichtig ist, brauchen wir aber auch klare Personaluntergrenzen. Diese Untergrenzen müssen die Krankenhäuser jetzt mit den Krankenkassen bis Sommer 2018 festlegen. Gelingt dies nicht, macht es das Ministerium. Es geht schließlich um eine gute Versorgung von Patienten.

Der Roboter als Krankenschwester oder Pflegekraft – eine Horrorvision oder bald Realität?

Pflege bedeutet menschliche Zuwendung. Technik kann dies erleichtern - und so mehr Zeit für das menschliche Miteinander schaffen. Technischer Fortschritt ist vielfach ein Segen in Pflege und Medizin. Er darf und wird die Betreuung durch Ärzte und Pflegekräfte aber nicht ersetzen.

Wie soll es weitergehen, wenn auf dem Land immer mehr Apotheken schließen? Füllt auf dem Dorf der Computer das Vakuum?

Der Streit um einen Arzneimittel-Automaten zeigt, dass Arzneimittelversorgung mehr ist als Arzneimittelverkauf. So einfach wie beim Kauf der Limo-Dose, die aus dem Automaten kullert, ist es nicht. In der Apotheke zählt die Beratung durch Fachpersonal - rund um die Uhr und am Wochenende. Deshalb setze ich mich für ein Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Medikamenten ein. Die SPD-Fraktion im Bundestag sollte ihre Blockade endlich aufgeben und auf die SPD-geführten Landesregierungen in Niedersachsen und NRW hören, die meine Position teilen.

Zeigen die Anstrengungen der Politik Wirkung, Ärzte auf das flache Land zu locken?

Um mehr Landärzte zu gewinnen, müssen alle zusammenarbeiten: Wir haben zusätzliche Möglichkeiten geschaffen, um junge Mediziner mit Vergütungsanreizen und Hilfen bei der Niederlassung auf dem Land zu unterstützen. Zudem wird die Weiterbildung zum Hausarzt besser vergütet und wir stärken die Allgemeinmedizin im Medizinstudium. Die Bundesländer sollen künftig über eine „Landarztquote“ bei der Studienplatzvergabe gezielt Medizinstudenten auswählen können, die später auf dem Land arbeiten wollen. Und natürlich geht es auch darum, den ländlichen Raum insgesamt so attraktiv zu machen, dass junge Ärzte gerne dort hinziehen.

Kann Technik auch kleinen Krankenhäusern wirklich helfen?

Aber ja. Per Telemedizin können Krankenhäuser auf dem Land bei der Versorgung von Patienten besser mit Spezialisten etwa aus der Universitätsklinik zusammenarbeiten. Über einen Innovationsfonds fördern wir solche Ansätze bis 2019 mit jährlich 300 Millionen Euro. Und die Video-Sprechstunde erleichtert den Austausch zwischen Arzt und Patienten zum Beispiel für Kontrolltermine.

Sie sagen : Gute Versorgung und medizinischen Fortschritt gibt es nicht zum Nulltarif. Das heißt genau?

In einer älter werdenden Gesellschaft und durch medizinischen Fortschritt steigen auch die Gesundheitskosten. Die Versicherten dürfen dadurch nicht überlastet werden. Deshalb haben wir bei den notwendigen Verbesserungen, die wir für Patienten und Pflegebedürftige auf den Weg gebracht haben, immer auch die nachhaltige Finanzierbarkeit im Blick. Prävention wird dabei eine immer größere Rolle spielen.

Die Beiträge für Privatversicherte sind nicht stabil, sie explodieren...

Vielen Privatversicherungen macht die lange Niedrigzinsphase zu schaffen. Natürlich darf nicht vergessen werden, dass die Beiträge oftmals jahrelang nicht angepasst wurden. Klar ist aber: Die private Krankenversicherung muss sicherstellen, dass es gerade im Alter nicht zur Überforderung kommt. Häufig hilft da schon ein Tarifwechsel innerhalb der Versicherung – darüber müssen Versicherungen aufklären. Zudem müssen Konzepte entwickelt werden, damit Beitragssprünge, wie wir sie in den vergangenen Jahren bei einigen Tarifen gesehen haben, künftig vermieden werden.

Privatversicherte werden oft völlig unnötig  durch die Geräte geschleust...

Ich warne vor Pauschalverurteilungen. Und ich rate jedem, der Zweifel an der Notwendigkeit von Untersuchungen oder Operationen hat, den eigenen Arzt gezielt darauf anzusprechen oder eine ärztliche Zweitmeinung einzuholen. Ärzte sind verpflichtet, über die Behandlung und mögliche Alternativen aufzuklären. Zu einer guten Medizin gehört auch, dass unnötige Eingriffe unterbleiben.