Antworten auf die Fragen der Passauer Neuen Presse

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe über das Schwerpunktthema globale Gesundheit beim G20-Gipfel in Hamburg, Antibiotika-Resistenzen und den Finanz-Reserven der Kassen

Passauer Neue Presse: Herr Gröhe, warum interessiert sich der Gesundheitsminister eigentlich für den G20-Gipfel?

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe: Es ist uns gelungen, das Thema Gesundheit auf die internationale Tagesordnung zu setzen. Und das ist auch notwendig. Die Menschen reisen heute mehr als doppelt so viel wie vor 20 Jahren. Krankheiten, die in einem anderen Teil der Welt ausbrechen, können schnell zum grenzüberschreitenden Problem werden – auch für uns in Europa. Deshalb ist es ein wichtiger Schritt, dass die Staats- und Regierungschefs der G20 die globale Gesundheit jetzt zur Chefsache machen.

Was ist die derzeit größte Gefahr für die Weltgesundheit?

Die Staatengemeinschaft muss lernen auf globale Gesundheitskrisen schnell und angemessen zu reagieren. Das hat Ebola gezeigt. Der Ausbruch der Krankheit in Westafrika hat über 11.000 Menschenleben gekostet und zu einer schweren regionalen Krise geführt. Und die Angst vor weiterer Ausbreitung machte sich damals nicht nur in den Nachbarstaaten, sondern auch in Nordamerika und Europa breit. Die nächste globale Gesundheitsgefahr wird kommen. Wir wissen noch nicht, wann, wo und wie. Eins ist aber klar: Wir müssen jetzt die Zeit nutzen, um vorzusorgen.

Die G20-Gesundheitsminister haben ein solches Szenario bereits geprobt. Wo gibt es die größten Defizite bei der Vorbereitung auf den Tag X?

Alle haben Hausaufgaben mitgenommen. Und wir sind uns einig: Solche Krisenübungen müssen regelmäßig stattfinden. Wir müssen insbesondere ärmere Staaten in die Lage versetzen, einen bedrohlichen Krankheitsausbruch schneller festzustellen und die nötige internationale Unterstützung anzufordern. Da geht es auch um gute Zusammenarbeit, damit Hilfe nicht als Bevormundung empfunden wird oder aus Angst vor Handelsbeschränkungen erst gar nicht angefragt wird. Und wir müssen die Voraussetzungen dafür schaffen, den betroffenen Staaten umgehend Fachleute, Medikamente und Labore zur Verfügung zu stellen.

Mit Gipfel-Beschlüssen der G20 ist es da sicher nicht getan, oder?

Hamburg kann wichtige Fortschritte bringen. Deutschland setzt sich etwa für eine deutliche Stärkung der Weltgesundheitsorganisation ein – auch finanziell. Und wir gehen mit gutem Beispiel voran. Wir haben unsere freiwilligen Beiträge für die WHO versechsfacht und sind Geberland Nr. 1 beim Notfallfonds der WHO. Wichtig ist jetzt, dass auch die anderen G20-Staaten einen starken Beitrag leisten.

In Hamburg soll es auch um das Problem zunehmender Antibiotika-Resistenzen gehen. Wie groß ist die Gefahr?

Seit der Entdeckung des Penicillins sind Antibiotika die wichtigste Waffe gegen Infektionskrankheiten. Wir müssen einen Rückfall ins Vor-Penicillin-Zeitalter verhindern. Deshalb treiben wir den Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen entschlossen voran: Die Verbesserung der Krankenhaushygiene und die Kontrolle des Antibiotika-Einsatzes in der Human- und Tiermedizin bleiben dabei eine ständige Aufgabe. Hier brauchen wir auch international Fortschritte. Es ist ein großer Erfolg, dass sich die G20-Agrarminister auf das Ziel verständigt haben, den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung auf therapeutische Zwecke zu beschränken.

Welche konkreten Beschlüsse erwarten Sie beim Thema Antibiotika vom G20-Gipfel?

Wir brauchen ein Bekenntnis für eine bessere Überwachung des Antibiotika-Einsatzes. Denn durch unsachgemäßen Gebrauch von Antibiotika besteht die Gefahr, dass sich die Bakterien anpassen und die Medikamente unwirksam werden. Die G20-Gesundheitsminister haben sich zu einer weltweiten Verschreibungspflicht von Antibiotika bekannt und sich verpflichtet, bis 2018 mit der Umsetzung von Nationalen Aktionsplänen zu beginnen, um die Entstehung von Antibiotika-Resistenzen zu bekämpfen. Wichtig ist auch, dass die Forschung verstärkt wird, damit wir mehr Therapiemöglichkeiten bekommen.

Themenwechsel: Von den gesetzlichen Krankenkassen kommen gute Nachrichten. Die Zusatzbeiträge könnten auch im kommenden Jahr stabil bleiben. Entwarnung für Millionen Versicherte?

Sowohl die Kassen als auch der Gesundheitsfonds verfügen über hohe Finanz-Reserven. Der Alarmismus so mancher vermeintlicher Experten hat sich nicht bewahrheitet. Der durchschnittliche Zusatzbeitrag ist in dieser Wahlperiode moderat um 0,2 Prozentpunkte gestiegen. Bei einem monatlichen Bruttoeinkommen von 3000 Euro sind das gerade mal 6 Euro mehr, soviel wie eine halbe Pizza – bei deutlichen Leistungsverbesserungen für alle Versicherten.

Worauf führen Sie das zurück?

Wir haben das Gleichgewicht zwischen Einnahmen einerseits und notwendigen Ausgaben und Leistungsverbesserungen andererseits in dieser Wahlperiode immer im Blick gehabt. Und natürlich trägt die ausgezeichnete wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland dazu bei, dass die gesetzliche Krankenversicherung gut dasteht.

Die SPD will Entlastung für die Versicherten, eine Rückkehr zu gleichen Beiträgen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Warum halten Sie davon nichts?

Natürlich werden wir dafür sorgen, dass die Versicherten nicht überfordert werden. Eine Politik, die Arbeitsplätze gefährdet, führt aber zu geringeren Einnahmen der Krankenkassen und damit zu höheren Beiträgen für alle Versicherten. Auch die von der SPD vorgeschlagene Zwangsvereinigung von gesetzlicher und privater Krankenversicherung löst keine der Herausforderungen, vor denen unser Gesundheitswesen steht: etwa mehr Fachkräfte zu gewinnen, die Chancen der Digitalisierung noch stärker zu nutzen und medizinischen Fortschritt auch weiterhin allen Menschen zugänglich zu machen. Die SPD führt Neiddebatten, die an der Realität völlig vorbeigehen. Wir können auf unser Gesundheitswesen und seine Leistungsfähigkeit stolz sein. 88 Prozent der Deutschen sind mit der Gesundheitsversorgung zufrieden – ich kämpfe dafür, dass das auch in Zukunft so bleibt.

Das Interview führte Rasmus Buchsteiner