Antworten auf die Fragen der Tageszeitung Passauer Neue Presse

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe über die Digitalisierung im Gesundheitswesen

Passauer Neue Presse: Die Digitalisierung schreitet auch im Gesundheitswesen voran. Ab heute geht es um das Thema beim IT-Gipfel in Ludwigshafen. Werden Apps und Computer eines Tages zumindest zum Teil Ärzte und ihre Arbeit ersetzen?

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe: Diese Sorge ist unbegründet. Der persönliche Kontakt zwischen Arzt und Patient bleibt zentral. Wir wollen aber eine bessere Vernetzung aller Beteiligten im Gesundheitswesen. Das bringt entscheidenden Nutzen und reicht vom schnellen Datenaustausch bis zur Bereitstellung von medizinischem Fachwissen. Über den Innovationsfonds fördern wir etwa ein Projekt, in dem eine Uniklinik Arztpraxen und Krankenhäuser rund um die Uhr zum Schutz vor ansteckenden Krankheiten und zur Intensivmedizin telemedizinisch berät.

Wann werden Online-Sprechstunden zum Standard?

Befund-Beurteilungen und Diagnosen werden telemedizinisch bereits genutzt. Ich rechne damit, dass es Video-Sprechstunden ab dem Sommer gibt - zum Beispiel für bestimmte Nachsorge-Termine. Wir sind jetzt dabei, Krankenhäuser, Arztpraxen und die 70 Millionen gesetzlich Versicherten über ein sicheres Netz miteinander zu verbinden. Nach den jahrelangen Diskussionen über die Gesundheitskarte ist damit ein wichtiger Meilenstein erreicht. Die letzten Sicherheitstests sind erfolgreich abgeschlossen. Bis Ende kommenden Jahres werden wir diese neue IT-Infrastruktur flächendeckend in allen Kliniken und Praxen haben.

Was hat der Patient davon konkret?

Wir wollen, dass Notfalldaten der Patienten auf der Gesundheitskarte gespeichert werden. Das kann im Ernstfall Leben retten. Über die Karte soll künftig auch der Medikationsplan abrufbar sein. Den erhalten Patienten bisher in Papierform, wenn sie gleichzeitig drei oder mehr Arzneimittel einnehmen. Jedes Jahr kommen schätzungsweise 250.000 Menschen ins Krankenhaus wegen unerwünschter Arzneimittel-Wirkungen. Das wollen wir ändern.

Mit Milliardenaufwand ist die Gesundheitskarte entwickelt worden, die auch eine elektronische Patientenakte möglich machen soll - wie lange wird es bis dahin noch dauern?

Notfalldaten und der elektronische Medikationsplan sind die ersten medizinischen Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte. Die elektronische Patientenakte ist der nächste Schritt, der danach zügig folgen muss. Die Versicherten können dann entscheiden, welche Informationen sie ihrem Arzt oder dem Krankenhaus zur Verfügung stellen. Das kann der Impfpass sein oder Nachweise über Vorsorge bei Kindern. Durch die elektronische Patientenakte kann der Arzt sehr schnell die bisherigen Befunde seines Patienten sehen - immer mit dem Ziel, Behandlungen zu verbessern und unnötige Doppeluntersuchungen zu verhindern.

Was, wenn Ärzte bei der geplanten Vernetzung nicht mitmachen wollen?

Es wird künftig eine Fülle von Leistungen geben, die Ärzte nur noch abrechnen können, wenn sie die neue IT-Infrastruktur nutzen. Mein Eindruck ist allerdings, dass die Bereitschaft zur Beteiligung sehr hoch ist. Aber wir werden sicher hier und da auch noch Überzeugungsarbeit leisten müssen.

Es gibt inzwischen jede Menge Gesundheits-Apps - mit unterschiedlicher Qualität. Die Bundesärztekammer fordert hier eine staatliche Zertifizierung. Wären Sie dafür?

Mittlerweile sind mehr als 100.000 Gesundheits-Apps auf dem Markt. Sie alle zu prüfen und behördlich zu genehmigen, wäre nicht machbar. Einige Apps dienen lediglich als Hilfe beim Sport. Sie zählen Schritte, speichern Strecken und Zeiten. Andere Apps sind dagegen Medizinprodukte im klassischen Sinne, helfen zum Beispiel bei der Behandlung eines Tinitus. Dafür gibt es klare Vorschriften. Und wir haben beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte ein Innovationsbüro geschaffen, das Hersteller von Apps bereits im Entwicklungsprozess berät. Das ist für die wachsende Zahl von Start-Ups im Gesundheitsbereich eine gute Unterstützung, die viel nachgefragt wird.

Sind Fitness-Armbänder oder Smartwatches mehr Fluch als Segen?

Alles, was die Gesundheit und das Gesundheitsbewusstsein des Einzelnen fördert, ist eine Riesenchance. Aber nicht für jeden ist jeder Sport geeignet. Hier kann auch ärztliche Beratung erforderlich sein.

Das Interview führte R. Buchsteiner