Eröffnung der eHealth-Konferenz

Auf der eHealth-Konferenz am 17. Juni 2014 in Hamburg hielt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe die Eröffnungsrede.

Lesen Sie hier die Rede von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe vom vom 17.06.2014. (Es gilt das gesprochene Wort!).

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, heute erstmals die Gelegenheit zu haben, an der Eröffnung einer eHealth Conference teilzunehmen. Meine Vorrednerin hat es bereits angesprochen, ich darf in Kürze wieder Ihre Gastfreundschaft hier in Hamburg genießen. Und natürlich freue auch ich mich besonders, Gäste aus Norwegen hier begrüßen zu können, dem Partnerland der diesjährigen Konferenz. Sehr geehrter Herr Botschafter Svedman, ich weiß um die erfolgreichen Anstrengungen Ihres Landes für den Einsatz modernster Informations- und Kommunikationstechnologien im Gesundheitsbereich. Ich bin deswegen sicher, dass wir so manches voneinander lernen können, wenn es um gute Ansätze einer noch besseren Patientenversorgung und die Weiterentwicklung unserer Gesundheitssysteme geht. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die hier anwesenden Teilnehmerinnen und Teilnehmer insgesamt, aber auch ich, wir alle freuen uns auf diesen sicherlich gewinnbringenden Austausch. Denn gerade mit Blick auf die rasant voranschreitende Digitalisierung unserer Gesellschaft, die unsere Art zu leben, miteinander zu kommunizieren, die Arbeitswelt, und natürlich das Gesundheitswesen zunehmend prägt, ist es wichtig, einen solchen Austausch zu pflegen. Genau wie wir in anderen Bereichen die Digitalisierung als Innovationstreiber erleben, so erleben wir dies zunehmend auch im Gesundheitswesen. Moderne IT verändert Arbeitsabläufe in Praxen und Krankenhäusern, beschleunigt die Entwicklung in der Medizintechnik und bringt schließlich auch Veränderungen in der Versorgung mit sich.

Dafür gibt es bereits viele gute Beispiele. Telemedizinprojekte unterstützen heute die Versorgung von Schlaganfallpatienten und auch Menschen mit Herzinsuffizienz können besser medizinisch begleitet werden. Moderne Kommunikationstechnologien ermöglichen vor allem der wachsenden Zahl älterer und chronisch erkrankter Menschen ein besseres, selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden. Gerade dieser Aspekt gewinnt angesichts der Bevölkerungsentwicklung in unserem Land natürlich an Bedeutung. Unsere Bevölkerung hat heute zusammen mit Japan das höchste Durchschnittsalter weltweit – und auch wenn ich gelernt habe, dass das junge Hamburg dies eher als Entwicklung der Umgebung wahrnimmt, werden auch Sie, nicht zuletzt aufgrund der Versorgungsleistung für die umliegende Region, von dieser Entwicklung erreicht. Ein weiterer Punkt ist, dass wir in Teilen unseres Landes, in den neuen Bundesländern, den stärksten Bevölkerungsrückgang seit mehr als 300 Jahren erleben. Es überrascht nicht, dass telemedizinische Projekte gerade dort von Interesse sind, wo es um die Unterstützung der Aufrechterhaltung einer guten medizinischen Versorgungsstruktur geht. Das scheint sich auch international herumzusprechen, denn anlässlich des diesjährigen eHealth Forums auf europäischer Ebene, das im Mai in Athen stattgefunden hat, nannte der EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg ausdrücklich ein solches Telemonitoringprojekt für Diabetesüberwachung aus Sachsen als erfolgreiches Beispiel.

Unser Ziel muss es sein, aus solchen Einzelprojekten Erfahrungen zu gewinnen, damit Telemedizin und eHealth tatsächlich bald in der gesamten Fläche unseres Landes effizient genutzt werden können. Mein Ziel ist es deshalb, die Chancen, die mit dieser Entwicklung für eine bessere Qualität – das ist unser Maßstab der Versorgung – verbunden sind, in den kommenden Jahren noch stärker zu nutzen. Wir wollen erreichen, dass z.B. Patienten, die mit einer Überweisung vom Hausarzt zum Facharzt kommen, in der Lage sind, dem behandelnden Facharzt die Informationen, die es bisher als Untersuchungsergebnisse des Hausarztes gab, per Mausklick zur Verfügung zu stellen. Wir brauchen eine entsprechende Infrastruktur – wie ein Straßennetz muss auch die Telematikinfrastruktur die Beteiligten im Gesundheitswesen so miteinander verbinden, dass für sie die für die Behandlung wichtigen medizinischen Informationen schnell und sicher austauschbar zur Verfügung stehen.

Diese Herausforderung zu meistern, ist sicherlich eine der anspruchsvollsten Aufgaben, die im IT-Bereich derzeit zu bewältigen ist, und mir ist kaum eine andere IT-Anwendung bekannt, bei der fast jeder Einwohner unseres Landes in ähnlicher Weise betroffen ist und am Ende auch davon profitieren wird. Deshalb gilt es auch, so viele unterschiedliche Interessen zu berücksichtigen. Aber wenn uns das gelingt – und ich bin optimistisch, dass wir das schaffen – können die Menschen in unserem Land durch verbesserte Diagnose- und Therapiemöglichkeiten davon profitieren, weil die behandelnden Ärzte schneller auf wichtige Daten, z.B. über Vorerkrankungen oder die Medikation, zurückgreifen können.

Das Projekt der Telematikinfrastruktur ist nach vielen Jahren oft mühsamer und kleinteiliger Vorarbeiten jetzt auf dem Weg in die Praxen und Krankenhäuser. Für die kommenden Jahre haben wir uns viele weitere wichtige Schritte vorgenommen. In einem ersten Schritt ist der Selbstverwaltung die erfolgreiche Umstellung von der Krankenversichertenkarte auf die elektronische Gesundheitskarte gelungen. Deren Verteilung konnte bis Ende des letzten Jahres praktisch abgeschlossen werden. Jetzt muss die Selbstverwaltung den zweiten Schritt, die Erprobung von Online-Anwendungen, umsetzen. Im Dezember 2013 ist die Vergabe von großflächigen Testvorhaben an die Industrie erfolgt. Erprobt werden dort ein modernes Versichertenstammdatenmanagement und ein Basisdienst zur Nutzung der qualifizierten elektronischen Signatur. Diese elektronische Signatur ist der notwendige Ausgangspunkt für die Einführung nachfolgender medizinischer Anwendungen. Insgesamt werden 1.000 Ärztinnen und Ärzte, Zahnärztinnen und Zahnärzte sowie mehrere Krankenhäuser in den Testregionen Nord-West und Süd-Ost an diesen Projekten teilnehmen.

Ich erwarte jetzt von den Organisationen der Selbstverwaltung und den beauftragten Industrieunternehmen, dass sie diese Aufträge engagiert und zügig umsetzen. Wie bei allen Großprojekten, werden sich im weiteren Verlauf sicher auch immer wieder neue Herausforderungen ergeben, die gelöst werden müssen. Umso wichtiger ist es jetzt, dass sich alle Beteiligten konstruktiv ans Werk machen, damit die Tests bald gestartet werden können.

Was konstruktive Botschaften anbetrifft, habe ich mich gefreut, dass sich die Delegierten des Deutschen Ärztetages im letzten Monat für die Fortführung der Arbeiten zur Einführung der Telematikinfrastruktur ausgesprochen haben. Das war ein gutes – aber man muss wohl auch sagen: ein notwendiges – Signal, um noch einmal einen Schub im Hinblick auf die Herausforderungen, die vor uns liegen, zu bekommen.

Zu den Herausforderungen gehört auch eine gesicherte Finanzierung z.B. der Ausstattungs- und Betriebskosten in den Arztpraxen. Hier steht die Selbstverwaltung in der Verantwortung, in der gesetzlichen Verpflichtung, angemessene Finanzierungsvereinbarungen zügig abzuschließen. Ich appelliere noch einmal an die Selbstverwaltung, dies bald in Verhandlungen zu erreichen. Wir werden das auf Seiten des Ministeriums genau im Blick behalten und, wenn es notwendig werden sollte, auch steuernd eingreifen. Aber mir ist es immer lieber, wenn die Selbstverwaltung das zügige Erarbeiten entsprechender Regelungen selbst übernimmt.

Die Gesundheits-IT hat sich in den letzten 20 Jahren von einem eher administrativen Werkzeug zu einem Instrument entwickelt, das sowohl die Qualität der Patientenversorgung als auch eine höhere Effizienz unseres Gesundheitswesens zum Ziel hat. Für mich sind das zwei Seiten einer Medaille, und ich bin fest davon überzeugt, dass wir nur mit eHealth ein zukunftsorientiertes Gesundheitswesen schaffen können, das den Menschen in diesem Land eine bestmögliche Versorgung auch in Zukunft sichert.

Das gilt ganz besonders im Hinblick auf die ja bereits erwähnten Herausforderungen einer älter werdenden Gesellschaft. Das ist ein Prozess, der mit teilweise dramatischen Veränderungen in der Bevölkerungsdichte einhergeht. Dank Telemonitoring können wir in einer intelligenten Verbindung mit Ärzten und Krankenhäusern auch in solchen bevölkerungsarmen Regionen eine gute Versorgungsstruktur gewährleisten. Das zeigt das von Ihnen genannte Beispiel der Gesundheitsmetropole Hamburg mit ihrem Spektrum hochwertiger telemedizinischer Versorgungsangebote, die sich eben auch an das Umland richten und hier zu einem guten Zusammenspiel von Ballungsraum und umliegender Region führen können. Dabei geht es um die Sicherung von Lebensqualität und um mehr Unabhängigkeit beispielsweise dadurch, dass chronisch kranke Menschen nicht mehr so häufig weite Wege zum Arzt oder ins Krankenhaus auf sich nehmen müssen, weil sie dank neuer Techniken auch zu Hause betreut werden können. Unsere norwegischen Gäste haben heute Morgen an einem anderen eindrucksvollen Beispiel demonstriert, wie sie die medizinische Versorgung der Besatzungen auf Ölplattformen und Schiffen durch Telemedizin sicherstellen.

Mit der wachsenden Digitalisierung des Gesundheitswesens verbinden sich große Hoffnungen bei der Therapie von Krankheiten wie beispielsweise der Behandlung von Krebs. Die große Hoffnung beruht darauf, dass vorhandene Daten gezielt und schnell ausgewertet und diese für die Optimierung einer individuellen Therapie der Patientinnen und Patienten genutzt werden können.
Damit sind auch große wirtschaftliche Chancen für unser Land verbunden. Schon heute ist die Gesundheitswirtschaft eine besonders starke Wachstumsbranche in unserem Land und einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren und Arbeitgeber. Als Bild dafür nehme ich gerne mit, dass ausgerechnet in Hamburg noch mehr Menschen in dieser Branche als im Hafen arbeiten. Wenn man der mitunter auch angstbesetzt betrachteten demographischen Veränderung damit etwas Positives abgewinnen kann, nämlich, dass wir bei der Bewältigung des Bevölkerungswandels gleichsam zu den Pionieren zählen, dann macht das deutlich, dass wir hier auch ein enormes Potenzial besitzen. Da diese Entwicklung nach und nach immer mehr Länder erfassen wird, haben wir die Chance, eigene Entwicklungen und eigene Produkte anschließend auch in diese Länder zu bringen. Viele unserer Medizintechnikunternehmen haben diese Herausforderung bereits heute auf eine sehr eindrucksvolle Weise angenommen. Ich bin fasziniert von den Entwicklungen, die ich – nicht nur in den letzten Monaten – kennengelernt habe. Gerade im Bereich der Telematik und Telemedizin sind es oft mittelständische Unternehmen, die sehr innovativ sind, zugleich hochattraktive Arbeitsplätze schaffen und einen Beitrag zur Sicherstellung einer hohen Qualität in unserem Gesundheitswesen leisten.

Wir setzen als Bundesregierung auf diese Innovationen. Dazu haben wir uns im Koalitionsvertrag ausdrücklich bekannt. Und ich bin mir mit meiner Kabinettskollegin Frau Wanka und meinem Kabinettskollegen Herrn Gabriel einig, dass wir als Bundesregierung diese Entwicklung aktiv gestalten wollen. Auch deswegen war es mir ein Herzensanliegen, heute hier zu dieser Konferenz zu kommen.

Liebe Frau Kollegin Prüfer-Storcks, die Weiterentwicklung der Telematik im deutschen Gesundheitswesen ist auch ein Thema, über das wir mit Ihnen und anderen Ländervertreterinnen und -vertretern im Gespräch sind. Ein Schlüssel für den Erfolg wird sein, wie es uns gelingt, Wildwuchs und Nebeneinander von Lösungen zu vermeiden und stattdessen die Interoperabilität im Gesundheitswesen nachhaltig zu verbessern. Wir wollen nicht, dass viele hervorragende Telemedizinprojekte Insellösungen bleiben, weil jeder nur auf seine Insel schaut und diese möglichst wachsen lassen möchte. Deshalb müssen wir an das Thema Interoperabilität heran.

Eine aktuelle Studie zum IT-Einsatz in deutschen Praxen und Krankenhäusern zeigt, dass die Hälfte der Ärztinnen und Ärzte IT-Unterstützung für die Verwaltung und Dokumentation nutzt. Wir müssen jetzt Anstrengungen unternehmen, dass die vielen ganz verschiedenen Systeme wirklich in der Lage sind, Informationen auszutauschen. Denn nur so können sie im Interesse der Patientinnen und Patienten ihre ganze Wirkung entfalten.

Wir gehen diese Herausforderung gemeinsam mit der Selbstverwaltung an. Das zeigt den gemeinsamen Willen, unser Gesundheitswesen mit eHealth-Anwendungen weiterzuentwickeln und aus Schnittstellen wirkliche Nahtstellen zu machen. Unser Ziel ist es, Hürden für den Einsatz von sinnvollen telemedizinischen Anwendungen abzubauen. Deshalb haben wir im Rahmen der eHealth-Initiative gemeinsam mit allen, die an der medizinischen Versorgung beteiligt sind, entsprechende Maßnahmen entwickelt. Hierzu gehören beispielsweise ein Telemedizinportal oder ein Kriterienkatalog für zukünftige Projekte. Diese Maßnahmen sollen zukünftigen Projekten den Weg ebnen und zugleich auch den Weg ebnen in eine möglichst schnelle Anwendung in der Regelversorgung. Unser gemeinsames Ziel ist, dass die Patientinnen und Patienten wirklich von den Vorteilen der Telemedizin und Telematik profitieren können.

Ich werde mich anschließend bei einem Besuch der Ausstellung über weitere interessante Projekte informieren können, die die Chance der Digitalisierung in unserem Gesundheitswesen erlebbar machen, und darauf freue ich mich.
Die Menschen in unserem Land erwarten von uns allen, von den Akteuren aus Bund und Ländern, von der Selbstverwaltung, den Unternehmen, der Wissenschaft und natürlich auch den Vertretern der Patientinnen und Patienten, dass wir gemeinsam Verantwortung dafür übernehmen, dass mögliche Anwendungen sicher – und das nicht zuletzt auch in Bezug auf Fragen des Datenschutzes – umgesetzt, aber auch schnell in die Regelversorgung gebracht werden. In einer Zeit, in der die Digitalisierung in fast allen Lebensbereichen voranschreitet, ist dies eine verständliche Erwartung in unserem Land, die uns alle fordert: die Politik durch die Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen, die Organisationen der Selbstverwaltung durch schnelle Einführung sinnvoller medizinischer Anwendungen und deren angemessene Finanzierung sowie die Unternehmen durch die Entwicklung sicherer und praktikabler Lösungen.

Wichtig ist mir, dass es nicht darum geht, was überhaupt technisch machbar ist, sondern dass stets der Nutzen für die Patientinnen und Patienten im Mittelpunkt steht. Niemand kann dies besser beurteilen als die Patientinnen und Patienten selbst. Deshalb freue ich mich, dass die eHealth Conference in diesem Jahr die Anliegen der Patientinnen und Patienten in den Mittelpunkt stellt. Unter dem Motto „Menschen – an erster Stelle! –  Metropolen, Möglichkeiten“ zeigt die Veranstaltung, wie die Menschen in den Metropolen und Regionen von den Möglichkeiten der Telemedizin und der Telematik profitieren können.

Entscheidenden Einfluss auf den Erfolg dieser Veranstaltung haben auch all diejenigen, die diesen Kongress durch ihren engagierten Einsatz erst möglich machen. Bei ihnen möchte ich mich sehr herzlich bedanken.
Ich wünsche uns allen interessante Diskussionen und hoffe, dass Sie trotz intensiver Kongressarbeit die Möglichkeit haben werden, auch die wunderbare Metropole Hamburg mit ihren vielfältigen Angeboten – Hafen, Gesundheitsbereich und vieles mehr – kennenzulernen. Und ich freue mich natürlich, bald wieder hier zu sein.