Warken: "Wir wollen die Apotheken noch mehr mit ins Boot nehmen"
Im gemeinsamen Interview mit der BILD sprechen Bundesgesundheitsministerin Nina Warken und Bundesforschungsministerin Dorothee Bär darüber, wie man Prävention in Deutschland stärken und so die Herzgesundheit verbessern kann. „Gute Versorgung ist wichtig, aber wir sollten uns auch fragen: Wie verhindern wir, dass Krankheiten entstehen?“
BILD: Dies ist Ihr erstes gemeinsames Interview. Arbeiten Ihre Ministerien konkret zusammen?
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken: „Ja, weil das, was im Forschungsministerium und in der Forschung passiert, entscheidend ist für das, was wir dann auch in der Versorgung konkret für die Menschen umsetzen können. Deswegen ist es wichtig, dass man sich auch verzahnt.“
Bundesforschungsministerin Dorothee Bär: „Nina Warken und ich sind das Doppelherz der Bundesregierung und das merkt man nicht nur auf Ministerinnen-Ebene, sondern auch daran, dass unsere Abteilungen, unsere ganzen Fachleute eng zusammenarbeiten. Denn den Bürgerinnen und Bürgern ist es völlig egal, wer zuständig ist, Hauptsache, die Dinge werden gemacht.“
Was ist denn ein Vorhaben, das Ihrer beider Handschrift trägt?
Bär: „Ganz neu auf den Weg gebracht haben wir dauerhafte Förderung für das Netzwerk Universitätsmedizin. Wir haben 37 Universitätskliniken in Deutschland, die einen gemeinsamen Datenraum aufgebaut haben und so klinische Forschung erleichtern.“
Und was kommt nach diesem Interview?
Warken: „Das Bundeskabinett hat gerade das Medizinregistergesetz beschlossen, das auch für beide Häuser wichtig ist, um Daten besser nutzen zu können.“
Die Ampel hat versucht, Herzgesundheit gesetzlich zu verankern, und ist gescheitert. Was haben Sie vor?
Warken: „Ganz wichtig ist Aufmerksamkeit. Wir müssen Dinge, die es schon gibt, breiter ausrollen. Ein Beispiel: Es gibt die 3B: das Messen von Blutdruck, Blutzucker, Blutfett. Es ist entscheidend, dass Menschen Angebote zur Früherkennung wahrnehmen. Wir wollen jetzt die Apotheken noch mehr mit ins Boot nehmen, damit auch künftig dort diese Messungen, Testungen und eine Beratung stattfinden können. Und wir haben schon ein Gesetz gemacht, durch das auch Pflegepersonal in Einrichtungen, Krankenhäusern, Pflegeheimen diese Tests eigenständig machen kann.“
Bevor eine gesetzliche Maßnahme kommt, gibt es Forschung, auf die die Bürger hoffen können?
Bär: „Es gibt ganz viel Spannendes. Zum Beispiel die Forschung am sogenannten Herzpflaster. Dabei wird geschädigtes Herzgewebe repariert. Damit könnten wir langfristig die Zahl der Transplantationen und schweren Eingriffe verringern. Da sind wir noch am Anfang der Forschung, aber das ist sehr vielversprechend. Wir forschen zudem insgesamt daran, Herzgewebe im Labor herzustellen. Die Züchtung von Ersatzgeweben oder sogar Ersatzorganen ist eine Perspektive, damit gerade auch Kinder künftig nicht mehr auf die Organspende von Lebendorganen angewiesen wären. Und als Drittes werden wir noch stärker auf die digitale Forschung schauen. Unser Wissenschaftsjahr dreht sich um die Zukunft der Medizin und da geht es auch um Prävention und Diagnostik mittels KI und Wearables (am Körper getragene Geräte wie Smartwatches, Red.).“
Bleiben wir bei Früherkennung. Viele gehen erst zum Arzt, wenn sie krank sind. Was ist Ihr größter Präventionshebel?
Warken: „Wir müssen niedrigschwellige Angebote schaffen. Wir reden immer darüber, wie wir das Gesundheitssystem so aufstellen, dass die Menschen gut behandelt werden, wir reden über Kosten im System. Aber wir sollten alle noch viel mehr den Schritt zurückgehen und auch schauen, wie verhindert man es überhaupt, dass Krankheiten entstehen. Die Apotheken sind da eine Möglichkeit. Aber insgesamt sollten wir alle Berufsgruppen viel stärker als Team sehen. Wir wollen sie vernetzter arbeiten lassen, auch Physiotherapeuten, andere Therapieberufe.“
Sollte die Industrie auch in die Pflicht genommen werden, wie z. B. in England, wo Hersteller Abgaben auf zuckerhaltige Softdrinks zahlen müssen?
Warken: „Wir haben die letzten Jahre sehr stark auf Eigenverantwortung und auch auf Selbstverpflichtung gesetzt. Wir müssen aber feststellen, dass Länder, die einen strengeren Rahmen vorgeben, natürlich auch an vielen Stellen bessere Ergebnisse haben. Das ist eine schwierige Debatte. Wir wollen den Leuten nicht immer nur sagen, was sie tun sollen. Wir wollen sie nicht immer zur Kasse bitten. Wir wollen, dass sie selbst entscheiden. Wir müssen aber, wenn wir jetzt eine neue Präventionsstrategie aufsetzen, alles in den Blick nehmen, was andere Länder erfolgreich machen.“
Was tun Sie beide eigentlich selbst für Ihr Herz?
Warken: „Ich versuche, ausreichend Schlaf zu bekommen und Bewegung dort, wo es geht, einzuplanen. Das ist jetzt nichts Neues, aber man muss es sich jeden Tag wieder vornehmen – und das ist eine Herausforderung.“
Bär: „Ich habe mir – entsprechend der Challenges im Wissenschaftsjahr Medizin der Zukunft – tatsächlich für jeden Monat etwas vorgenommen. Im Januar waren es jeden Tag 10.000 Schritte. Das habe ich auch geschafft. Für Februar habe ich mir vorgenommen, jede Nacht mindestens sieben Stunden zu schlafen – das habe ich nicht geschafft.“
Wir sitzen hier in einer 4-Frauen-Runde. Währenddessen sterben Frauen in den Notaufnahmen an einem Herzinfarkt, weil ihre Symptome nicht erkannt werden. Wie ändern Sie das?
Warken: „Das müssen wir auf jeden Fall ändern. Es gibt erhebliche Unterschiede, wie lange es bei Frauen dauert, bis die Diagnose feststeht. Zudem haben sie wesentlich geringere Chancen auf die richtige Behandlung und auch auf das Überleben. Das muss jetzt angegangen werden, vor allem mit Wissensvermittlung. Wir werden das in die Approbationsordnung, also in die Ausbildung der Ärzte, einbringen, die wir mit den Ländern verhandeln. Und wir wollen in der täglichen Versorgung in den Praxen mehr Wissen vermitteln über typisch weibliche Symptome. Da sind wir mit den Ärzten und der Selbstverwaltung im Gespräch.“
Ein wesentlicher Faktor ist die fehlende Studienlage, also Forschung an Frauen. Gibt es da Fortschritte?
Bär: „Ich habe das Thema Frauengesundheit ab Tag eins zu einem meiner erklärten Ziele gemacht. In diesem Punkt sind wir wirklich noch im Neandertal. Aus vielen Gründen war bei medizinischen Studien der Mann das Maß aller Dinge. Uns fehlt für Frauen schlicht die wissenschaftliche Datengrundlage. Frauen nahmen und nehmen zum Teil immer noch seltener als Männer an klinischen Studien teil. Wir haben deshalb ein eigenes Frauengesundheitsreferat eingerichtet. Wir werden bei unseren klinischen Fördermaßnahmen besonders darauf achten, dass eine krankheitsentsprechende Anzahl der Frauen als Probandinnen berücksichtigt wird.“
Wir vier tragen, wie ca. 30 Millionen Deutsche, eine Smartwatch. Die Daten wären für die Forschung hilfreich, momentan profitieren aber nur Konzerne und nicht das deutsche Gesundheitssystem.
Bär: „Mein Haus arbeitet gerade an einem Forschungsdatengesetz. Da geht es hauptsächlich um das Zusammenführen von Daten aus zahlreichen Registern oder Statistiken, die sowieso schon vorhanden sind, aber für die Forschung bislang nicht übergreifend genutzt werden dürfen. Zur besseren Datennutzung: Ich bin mir sicher, dass ganz viele Bürger überhaupt kein Problem damit hätten, Daten anonymisiert oder pseudonymisiert zur Verfügung zu stellen. Datenschutz ist wichtig, ja, aber eine Datennutzung ist genauso wichtig und wir müssen zusammen mit dem Digitalministerium dafür sorgen, dass Daten verwendet werden können.“
Seien wir ehrlich: Viele digitale Angebote der Bundesregierung sind zu komplex für die Bürger.
Warken: „In der Tat. Jeder, der sich für die elektronische Patientenakte registriert hat, weiß, wie kompliziert das ist. Wir haben es schon einfacher gemacht mit einem Video-Ident-Verfahren, aber es wird noch mehr verlangt als E-Mail und Passwort. Das ist aber auch notwendig. Wichtig ist aber auch, dass die elektronische Patientenakte, auch für die Bürger einen Mehrwert bringt. Momentan nutzt sie denjenigen, die krank sind. Künftig muss sie viel mehr können: Es müssen Impfungen hinterlegt sein, sie muss an Vorsorgeuntersuchungen erinnern, als Kommunikations-Tool mit der Arztpraxis dienen, für die elektronische Überweisung. Damit jeder weiß: Die Authentifizierung ist ein bisschen komplex, aber ich mache es, und dann habe ich eine wirklich gute Anwendung, die mir in vielen Lebenslagen hilft.“
Was ist Ihr Herz-Versprechen bis Ende 2026?
Warken: „Dass wir die Menschen dazu anhalten, sich um die 3B – Blutzucker, Bluthochdruck und Blutfett – zu kümmern.“
Bär: „Dass Männer und Frauen mit einer für sie passenden Medizin versorgt werden können.“