Lauterbach: Ohne Reform würden 25 Prozent der Krankenhäuser sterben

Bundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach hat im Interview mit BILD die Dringlichkeit seiner Pläne zur Krankenhausreform betont: „Es macht keinen Sinn, immer mehr Geld in ein krankes System und in eine schlechte Struktur zu stecken. Wir haben ja nicht einmal mehr genügend Personal, um die alte ineffiziente Struktur aufrecht erhalten zu können. Wir brauchen Klasse statt Masse - und das bundesweit.“

01. Juni 2023

BILD: Herr Lauterbach, Deutschland hat 1719 Kliniken. Sie wollen fast 700 davon auf das Level „1i" herunterstufen – ohne Notaufnahme, nachts nur mit Rufbereitschaft. Wie viele der Voll-Kliniken werden nach Ihrer Krankenhausreform noch richtige Krankenhäuser sein?

Bundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach: Das hängt davon ab, wie wir die Krankenhausreform ausgestalten und wie die Landesregierungen dann damit umgehen. Ich gehe davon aus, dass viele kleine Kliniken durch die Reform gerettet werden. Auf jeden Fall stimmt die von der BILD verbreitete Nachricht nicht, wonach in einigen Bundesländern bis zur Hälfte der Kliniken „weg sollen". Wir wollen die Kliniken erhalten, die notwendig sind.

Selbst FDP-Gesundheitsexperte Ullmann, ein Freund der Reform, sagt über die „Level 1i"-Häuser: „…das wären dann keine Kliniken mehr, wie wir sie heute kennen." Der Verbands-Chef der Privatkliniken sagt, ihre Dementis seien „falsch und irreführend: Das ist dann kein Krankenhaus mehr." Sind die alle zu blöd, um Ihre Reform zu verstehen?

Einige private Klinikträger sind gegen die Reform, weil wir das Geschäftsmodell der Kliniken angreifen, die mit überflüssigen Eingriffen Gewinne zu machen, oder Eingriff durchzuführen, die eigentlich in größeren Kliniken gemacht werden müssten. Deshalb arbeiten sie mit Falschmeldungen, der Bürger soll verunsichert werden und die Nachricht bekommen, die Reform von Lauterbach zerstöre die Klinik vor Ort. Das Gegenteil ist der Fall.

Aber was sind das denn für Kliniken, die nicht einmal mehr vom Rettungswagen angefahren werden dürfen und bei denen nachts kein Arzt vor Ort ist?

Das sind Kliniken, die den Armbruch richten können, aber nicht den akuten Herzinfarkt. Diese Unterscheidung ist auch im Interesse der Patientinnen und Patienten. Oder wollen Sie, wenn Sie einen Schlaganfall haben, in eine Klinik kommen, die nicht optimal dafür ausgerüstet ist? Wir brauchen eine vernünftige Aufgabenverteilung. Die Patienten sollen dort versorgt werden, wo das am besten und sinnvollsten ist. Und das sind bei schwierigen Eingriffen die Häuser, in denen sie eine höhere Überlebenschance haben.

Haben Sie Zahlen?

Ist eine Klinik nicht optimal darauf vorbereitet, hat jeder dritte Schlaganfallpatient kaum eine Überlebenschance im ersten Jahr. Bei einer qualifizierten Klinik ist es nur jeder vierte Patient. Pro Jahr sind das tausende Menschen. Wer will denn von uns ernsthaft in die nächstbeste Klinik mit einem Schlaganfall gebracht werden statt in ein Haus mit Stroke-Unit, einer spezialisierten Schlaganfall-Abteilung? Der Laie denkt, es käme auf fünf Minuten an. Aber wenn ich in der falschen Klinik bin und das Gerinnsel kann nicht aufgelöst werden, dann ist das Risiko für schwere gesundheitliche Folgen - von der Demenz bis zum Tod - viel höher.

Von Klinik-Seite gibt es aus allen Bereichen - auch von kommunalen Kliniken - massive Kritik an Ihrer Reform…

Das ist falsch. Auch kommunale Kliniken wollen die Reform. Die Kommunen auch. Die Kritik hängt von der Klinik ab. Dass ich das Gewinn-Modell der privaten Klinik-Betreiber angreife, das ist unstrittig, ja. Wir wollen das System teilweise ent-ökonomisieren, also den Gewinnanreiz herausnehmen.

Was bedeutet Ihre Reform für größere Eingriffe – auch hier gibt es Kritik von Klinikseite?

Mit unserer Reform steigt bei Herzinfarkten die Wahrscheinlichkeit, eine interventionelle Kardiologie zu erreichen und zu überleben. Noch wichtiger: Bei Krebsbehandlungen wird die Überlebenswahrscheinlichkeit deutlich erhöht – die Krebsgesellschaft geht von 10.000 Krebstoten pro Jahr weniger aus, wenn die Behandlung nur noch in spezialisierten Kliniken durchgeführt werden. Wir haben da momentan zum Teil Ergebnisse, die international nicht gut vorzeigbar sind.

Klingt, als würde in den kleinen Kliniken gepfuscht…

Das ist jetzt eine diffamierende Zuspitzung – die Ärzte dort machen eine fantastische Arbeit, wenn es etwa um die Versorgung älterer Menschen geht, die ein kleineres medizinisches Problem haben – Schwächeanfälle, Knochenbrüche, Dehydrierung, Gallensteine… Die werden dort teilweise sogar besser gemacht.

Aber?

In solche kleinen Kliniken gehen weder der Arzt noch seine Familie, wenn zum Beispiel eine große Krebs-OP ansteht. Sie suchen sich natürlich größere, spezialisierte Häuser. Aber: Ich will keine Zwei-Klassenmedizin! Denn seien wir ehrlich: Viele der kleinen Kliniken überleben derzeit nur, weil sie diejenigen behandeln, die von den Qualitätsunterschieden nichts wissen.

Die Dummen gehen also in die kleinen Kliniken, die Schlauen zum Spezialisten?

Ein Mensch ohne viel Information oder ohne Beziehungen muss nicht dumm sein. Das System ist dumm. Und die Unterscheidung „kleine Klinik - große Klinik“ bringt auch nicht weiter. Fest steht: Wer sich auskennt, meidet schon heute bestimmte Kliniken, sucht und bekommt oft die gute Versorgung. Im Ergebnis der Reform müssen wir dahin kommen, dass die Eingriffe nur noch dort gemacht werden, wo sich die Ärzte auch selbst behandeln lassen würden. Es kann nicht sein, dass große Enddarm-Chirurgie an Kliniken gemacht wird, die das nicht können. Es kann nicht sein, dass Schlaganfälle in Häusern behandelt werden, die keine Stroke-Unit, also Schlaganfall-Abteilung, haben. Es kann nicht sein, dass wir simple Gallenstein-Operationen in teuren Uni-Kliniken machen. Es kann nicht sein, dass wir so viele Kliniken haben – aber am Ende zu wenig Pfleger für alle Häuser. Nichts davon ist richtig.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund fordert: Die klassische Notfallversorgung muss wohnortnah für jeden Bürger gesichert bleiben. Können Sie das zusagen?

Ja. Wir haben nach unserer ersten Analyse des Ist-Zustands fast 600 Kliniken bundesweit auf Level 2 und darüber. Damit haben wir flächendeckend eine hohe Dichte für die Notfallversorgung. Das ist eine Klinik für 100.000 erwachsene Einwohner, das ist mehr als ausreichend.

Die Kliniken machen pro Quartal 9 Milliarden Euro Verlust, Banken haben Klinken als Risiko-Branche eingestuft, deutschlandweit sterben schon Kliniken…

Lauterbach: „Wir stehen tatsächlich am Beginn eines unkontrollierten Krankenhaussterbens. Ohne die Reform würden wohl 25 Prozent der Krankenhäuser sterben. Das wollen wir verhindern, dafür sorgen, dass die notwendigen Kliniken überleben können – im Einzelfall auch mit einem abgespeckten, aber bedarfsgerechten Leistungsspektrum. Es macht keinen Sinn, immer mehr Geld in ein krankes System und in eine schlechte Struktur zu stecken."

Was ist schlecht?

Wir haben die höchste Bettendichte pro Kopf und mit Österreich die höchsten Kosten für Krankenhäuser in der EU – 3,4 Prozent unserer Wirtschaftsleistung geben wir für ein System aus, das nicht funktioniert. Wir haben sehr hohe Kosten bei zum Teil schlechten oder mittelmäßigen Ergebnissen. Wir haben ja nicht einmal mehr genügend Personal, um die alte ineffiziente Struktur aufrecht erhalten zu können. Wir brauchen Klasse statt Masse - und das bundesweit. Die Krankenhäuser müssen auch mehr ambulante Leistungen erbringen dürfen. Es wird viel zu viel stationär behandelt.

Können sie versprechen, dass sich die Klinikversorgung was Qualität und Erreichbarkeit angeht für keinen Bürger in Deutschland verschlechtern wird?

Ich kann versprechen, dass die Qualität der Versorgung im Durchschnitt deutlich besser wird. Schaffen wir das nicht, dann machen wir als Bundesregierung diese Reform nicht, dann ist sie tot.

Hinweis
Sehr geehrte Damen und Herren, Sie nutzen leider eine Browser-Version, die nicht länger vom Bundesgesundheitsministerium unterstützt wird. Um das Angebot und alle Funktionen in vollem Umpfang nutzen zu können, aktualisieren Sie bitte ihren Browser auf die letzte Version von Chrome, Firefox, Safari oder Edge. Aus Sicherheitsgründen wird der Internet Explorer nicht unterstützt.