Kriterien für einen neuen Alltag

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn beschreibt im Namensbeitrag in der FAZ, wie wir zu einer neuen Normalität zurückkehren können

Seit etwa zwei Monaten leben wir mit Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens, die vor kurzem noch undenkbar schienen. Statt der liebgewonnenen Unbeschwertheit des Alltags macht sich immer häufiger eine neue Unsicherheit breit, schon beim ersten Schritt vor die Haustür: Darf ich das, entspricht das den Regeln?

Viele wünschen sich, rasch zur gewohnten Normalität zurückkehren zu können. Nach allem, was wir derzeit wissen, wird das so schnell nicht möglich sein. Gerade weil Deutschland bislang glimpflicher als andere durch diese Krise kommt, wäre es leichtsinnig, diesen teuer erkauften, gemeinsamen Erfolg zu gefährden. Deshalb ist es richtig, dass Bund und Länder den sicheren Weg gehen: Wir machen die Schritte lieber klein, statt einen großen Rückschritt zu riskieren.

Ist alles richtig, was wir entscheiden? Die ehrliche Antwort ist: Sicher werden wir das erst im Nachhinein wissen. Auch nach bestem Wissen und Gewissen zu entscheiden, bedeutet angesichts all der Unwägbarkeiten nicht, keine Fehler zu machen. Niemand hat je eine vergleichbare Situation erlebt. Niemand kann sicher sagen, wie sich die Pandemie in einigen Wochen oder Monaten entwickeln wird. Und aus Unsicherheit gar nicht zu entscheiden, es einfach passieren lassen, das wäre sicher die Schlechteste aller Alternativen. Denn die Bilder aus Italien, Spanien und den USA sind eine deutliche Warnung: das Virus verursacht großes Leid, wenn sich zu schnell zu viele infizieren.

Wir alle erwarten, dass der Staat und seine Institutionen in dieser Lage entschlossen handeln. Gleichzeitig lassen sich die Folgen der Maßnahmen nicht ignorieren. Ein Beispiel: Die Zumutungen für Kinder, berufstätige Eltern und Alleinerziehende sind gerade sehr groß. Welche Folgen hat die mittlerweile sechswöchige Schließung von Kitas und Schulen für Kinder, gerade in diesen herausfordernden Zeiten, in denen es in Familien auch nicht immer harmonisch zugeht? Welche langfristigen Effekte ergeben sich? Auch Einsamkeit, Sorge um den Arbeitsplatz, Bewegungsmangel und Stress belasten die Gesundheit. Und eine starke Wirtschaft ist die Voraussetzung für ein starkes Gesundheitssystem. Deswegen brauchen wir neben der nötigen Konsequenz auch Perspektiven.

Wir brauchen Klarheit darüber, wie der neue Alltag aussehen wird. Dabei helfen verständliche und eingängige Kriterien, die jeder nachvollziehen und leben kann. So lässt sich das private, gesellschaftliche und ökonomische Leben daran ausrichten und planen.

Unsere Formel für den neuen Alltag sollte deshalb eine einfache sein: Soviel Normalität wie möglich, so viel Schutz wie nötig. Wir haben die Erfahrung gemacht: Allgemeine, verständliche Kriterien eignen sich dafür besser als Quadratmeterzahlen. Entscheidend für die Frage, was stattfinden oder öffnen kann, sollten Konzepte zur Minimierung des Infektionsrisikos sein. Abstands- und Hygieneregeln sind der Maßstab.

Denn der wirksamste Schutz gegen eine Infektion ist Abstand voneinander. Wo die Menschen mindestens eineinhalb Meter entfernt voneinander bleiben, sinkt das Ansteckungsrisiko massiv. Werden die Hygieneregeln eingehalten, geht es weiter zurück. Was bleibt, ist ein Restrisiko, das in vielen Situationen beherrschbar ist und in einigen nicht.

Für unseren neuen Alltag bedeutet das: In einem Pflegeheim mit besonders gefährdeten Bewohnern fällt die Bewertung zu Gunsten größtmöglicher Sicherheit anders aus als für einen Sportplatz, auf dem sich vor allem Gesunde aufhalten. Partys oder Volksfeste bergen ein extrem hohes Risiko, denn wo ausgelassen gefeiert wird, sind Abstandsregeln passe. Wer dagegen mit der nötigen Distanz zu anderen Sport treibt oder in der Kirche betet, wird höchstwahrscheinlich weder sich noch andere gefährden. Ein weiteres Kriterium ist die Frage, was für uns als Gesellschaft leichter verzichtbar ist. Wer beispielsweise demonstrieren geht, eine Bildungseinrichtung oder einen Gottesdienst besucht, übt Grundrechte aus. Das zu ermöglichen hat von staatlicher Seite sicher Vorrang vor Veranstaltungen, die der Unterhaltung dienen.

Die meisten Bereiche des Alltags können wir mit solch einfach nachvollziehbaren Kriterien regeln. Weitere Voraussetzung ist ein genauer Überblick des Infektionsgeschehens. Das lässt sich nur mit umfassendem Testen erreichen. Deshalb haben wir die Testkapazitäten auf bis zu 800.000 ausgeführte Tests wöchentlich erhöht. Daher machen wir großangelegte Antikörper-Tests, um zu erfahren, wie viele Menschen immun sind. Für die Kontrollierbarkeit der Epidemie sind die Zahl der akut Infizierten und die der täglich neu Infizierten entscheidend. Akut infiziert sind in Deutschland aktuell rund 40.000 Menschen, neu infiziert etwa 1000 am Tag. Diese Größenordnung ist für das Gesundheitswesen händelbar. Technische Lösungen können uns zudem helfen, Infektionen zu erkennen, Kontaktpersonen zügig zu informieren und so Ansteckungsketten zu unterbrechen. Deshalb entwickeln wir eine Anti-Corona-App.

Die Frage, wie wir vor Ort vorgehen, kann aber nur ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess sein. Deshalb ist es richtig, dass Länder und Kommunen über den richtigen Weg unter den jeweiligen Bedingungen debattieren. Die Debatte und das Ringen um die beste Lösung machen eine freiheitliche Demokratie aus. Und es macht uns gerade in Krisenzeiten stark. Wir erleben in diesen Zeiten, wie groß die lebenskluge Mitte in Deutschland ist. Die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, ist uns nicht zuerst durch staatliche Verbote gelungen. Es ist gelungen, weil die allermeisten Bürgerinnen und Bürger aufeinander achten wollen. Es ist gelungen, weil die allermeisten Bürgerinnen und Bürger die Regeln aus Verantwortung für sich und andere befolgen wollen. Akzeptanz und Einsicht sind auf Dauer immer stärker als Zwang. Akzeptanz und Einsicht erfordern aber immer auch Debatte und Perspektive.

Ohne Einschränkungen auskommen wird die Perspektive eines neuen Alltags nicht. Doch der neue Alltag kann auch Chancen bieten. Wir erkennen, wie wichtig es ist, essentielle Güter oder medizinische Produkte wieder in Europa zu produzieren. Nicht nur bei Masken gilt ja: wir brauchen mehr Unabhängigkeit, auch über die Krise hinaus. Wir erleben, wie wertvoll die Arbeit in der Pflege, im Gesundheitswesen, an der Supermarktkasse und der Logistik ist. Wir erfahren, wie dringend ein digitaler Modernisierungsschub in vielen Bereichen notwendig ist. Wir tarieren die Balance zwischen Familienleben und Büroalltag neu aus. Und wir spüren den Wert eines Wir-Gefühls - weil es nicht nur in der Krise am besten gemeinsam geht.

Dabei gibt es nichts zu verklären. Der neue Alltag wird an vielen Stellen beschwerlich, für manche auch hart sein. Wir werden Ausdauer und Besonnenheit, Kraft und Resilienz benötigen. Doch wenn wir diesen Weg gemeinsam und nach klaren Kriterien gehen, wenn wir einander auch unter Stress weiter vertrauen, dann wird uns der neue Alltag nicht nur durch diese Krise führen. Dann können wir daraus auch Zuversicht schöpfen und Lehren für unsere Zukunft ziehen.