Spahn: "Impfen ist ein patriotischer Akt"

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn spricht im Münchener Merkur über den Impffortschritt und seine Vorschläge für einen sicheren Herbst und Winter.

Münchner Merkur: Herr Spahn, Sie verbringen gerade ein paar Tage am Tegernsee. Kann man als Gesundheitsminister während der Pandemie überhaupt Urlaub genießen?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn: Ja, der Tagesablauf ist etwas anders. So fühlt es sich zumindest nach Urlaub an. Außerdem machen wir Wanderungen, vorgestern erst waren wir auf dem Riederstein. Das macht den Kopf frei. Auch wenn ich weiterhin arbeite und an Videokonferenzen teilnehme, erhole ich mich hier gut.

Wie sehr trübt die nur noch langsam steigende Impfquote Ihre Freude am Bergpanorama?

Zuerst einmal haben wir es als Bundesregierung geschafft, schon jetzt allen Bürgerinnen und Bürgern ein Impfangebot zu machen - viel früher als versprochen war! Wer sich heute impfen lassen möchte, kann es sofort tun. 73 Prozent der Erwachsenen haben sich mittlerweile mindestens einmal impfen lassen. Das ist gut – aber es reicht noch nicht.

Was sagen Sie Bürgern, die sich bisher nicht impfen lassen wollen?

Es geht nicht nur darum, sich selbst zu schützen, sondern auch uns als Gesellschaft. Impfen ist ein patriotischer Akt. Ich halte nichts von einer Impfpflicht gegen COVID-19. Aber ein Gebot, sich impfen zu lassen – das gibt es schon. Ja, das Impfen ist eine persönliche Entscheidung. Aber es ist auch eine mit Auswirkungen für uns alle. Jeder Einzelne entscheidet mit darüber, wie schwer Herbst und Winter für uns alle werden.

Wie sehr ärgern Sie sich angesichts dessen über die impfkritischen Auftritte von Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger?

Es ist eine Sache, sich aus persönlichen Gründen nicht impfen zu lassen. Aber es ist nicht in Ordnung, daraus gegen jede wissenschaftliche Erkenntnis so politisches Kapital schlagen zu wollen.

Wann werden die Tests für Ungeimpfte kostenpflichtig?

Noch brauchen wir die Tests. Es gibt viele, die sich grundsätzlich impfen lassen wollen, für die sich aber noch nicht die richtige Gelegenheit ergeben hat. Was ich gut finde: In den Betrieben, in Fußballstadien, in Kirchen gibt es nun überall Aktionen, bei denen man sich ganz nebenbei impfen lassen kann. Wenn aber jeder mehrfach die Chance zur Impfung hatte, dann können die Tests nicht länger kostenlos bleiben. Das ist eine Frage der Fairness. Ab Mitte Oktober sollten ungeimpfte Erwachsene, die sich hätten impfen lassen können, vor dem Restaurantbesuch für einen Antigen-Schnelltest bezahlen müssen.

Schaffen wir die Herdenimmunität bis Herbst?

Wenn sich genügend Menschen impfen lassen, wird es zumindest einen Herdeneffekt geben. Das heißt, dass es eine hohe Grundimmunität gibt, und das Virus nicht einfach durchrauschen kann. Entscheidend ist, dass das Gesundheitswesen nicht überlastet wird. Die Modellierungen des RKI zeigen, dass eine Impfquote von über 75 Prozent einen sehr großen Unterschied für die Zahl der Infektionen und der möglichen Intensivpatienten macht. Ob wir die erreichen, kann jeder und jede Einzelne mit der persönlichen Impfentscheidung beeinflussen.

Wenn wir diesen Wert nicht erreichen, droht also der nächste Lockdown?

Nein. Wir brauchen zwei Grundprinzipen für Herbst und Winter: Für das Zusammentreffen in geschlossenen Räumen gelten die 3G – das heißt, man muss geimpft, genesen oder getestet sein. Und ansonsten tragen wir weiter Maske und halten uns an die Hygiene- und Abstandsregeln. Wenn es in manchen Regionen weitere Beschränkungen brauchen sollte – etwa weil bestimmte Grenzwerte überschritten werden – dann sind Geimpfte und Genesene davon ausgenommen.  

Berichten zufolge planen Sie aber Anfang September unabhängig von der Inzidenz schon einige Verschärfungen.

Unser aller Ziel ist es, einen erneuten Lockdown zu vermeiden. Und er ist auch vermeidbar, wenn alle mithelfen. Diesem Ansinnen dienen meine Vorschläge.

In Bayern will Ministerpräsident Marcus Söder im Herbst Clubs und Discos nur für Geimpfte und Genesene wieder öffnen. Das wären dann 2G statt 3G ...

Für essenzielle Dinge wie öffentliche Verkehrsmittel oder den Rathaus- oder Krankenhausbesuch muss es die Möglichkeit geben, auch nur mit einer Maske oder mit Test Zugang zu haben. Aber für Diskos, Stadien oder Theater, also Bereiche, die nicht zur Grundversorgung gehören, kann ich mir auch einen Zutritt nur für Geimpfte oder Genesene vorstellen. Oder einen beschränkten Zugang – dass zum Beispiel zu einem Fußballspiel im Bayern-Stadion 30 000 Geimpfte und dazu noch 2000 Getestete kommen dürfen.

Sie wollen mit steigender Impfquote die Inzidenz als entscheidende Größe für Corona-Maßnahmen austauschen. Wie lautet die Zauberformel für die neue Kennzahl?

Die Inzidenz war nie der einzige Indikator. Wir haben immer auf ein Set an Werten geblickt. Dazu gehört neben der Inzidenz der R-Wert, der zeigt, wie schnell sich das Virus ausbreitet. Dazu gehört aber auch die absolute Zahl an Infektionen. Angesichts der erreichten Impfquote, muss künftig auch die Zahl der Hospitalisierungen eine deutlich größere Rolle spielen.

Andere Länder lassen höhere Inzidenzen zu als Deutschland und vertrauen darauf, dass sich junge Menschen natürlich immunisieren, indem sie die Krankheit durchmachen. Ein Irrweg?

Zumindest ist es gewagt. Denn es kann auch Langzeitfolgen nach einer Infektion geben. Long Covid ist noch wenig erforscht. Dieser Weg ist also ein Experiment, das sehr viele Menschen einem nicht kalkulierbaren Risiko aussetzt. Wir schauen aufmerksam in diese Länder und wünschen natürlich, dass es gut ausgeht.

Dann macht Deutschland es nach?

Dann könnten wir zumindest sicherer mit höheren Werten umgehen. Alle Länder lernen in der Pandemie voneinander, das ist doch klar.

Auch für Sie persönlich war das zurückliegende Jahr eine Achterbahnfahrt. Im Winter waren Sie für einige noch der logische Kanzlerkandidat der Union. Im neuen Jahr bekamen Sie dann jede Menge Kritik ab. Haben Sie tatsächlich so viele Fehler gemacht, oder sehen Sie sich als Deutschlands Corona-Sündenbock?

Eine Pandemie ist kein Schonwaschgang für einen Gesundheitsminister. Zu Anfang hatte die Regierung einen Pandemie-Bonus – nicht nur in Deutschland. Doch als es in der zweiten und dritten Welle für viele Menschen sehr hart wurde, wurde daraus eher ein Malus. Trotzdem ist Deutschland vergleichsweise gut durch diese Pandemie gekommen, wenn man auf die Todeszahlen, die Infektionszahlen oder die schnelle Erholung der Wirtschaft blickt. Aber wir haben natürlich auch Fehler gemacht – auch ich selbst. Wir hätten früher Masken kaufen müssen, als EU hätten wir früher Einreisebeschränkungen gebraucht, und ja, ich habe Schnelltestmöglichkeiten für alle zum 1. März angekündigt, die dann erst eine Woche später kamen.

Wurden Sie bei der Impfstoffbeschaffung durchs Kanzleramt gebremst, das auf eine EU-weite Aktion bestand?

Es war und ist in unserem nationalen Interesse, dass in ganz Europa gleichzeitig geimpft wird. Wir haben nichts davon, wenn Deutschland durch ist, aber alle unsere Handelspartner noch nicht. Die Pandemie ist erst zu Ende, wenn sie weltweit zu Ende ist. Aber ja: Die Impfstoffbeschaffung auf europäischer Ebene hätte anfangs schneller laufen können.