Spahn: "Patientenorientierung ist das Leitbild für das gesamte Gesundheitswesen"

Im Interview mit der Public Health Panorama im Jahr 2019 hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Fragen zur Gesundheitskompetenz in Deutschland und Europa beantwortet.

Public Health Panorama: Warum ist ein Programms zur Gesundheitskompetenz so wichtig?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn: Gesundheitskompetenz bedeutet mehr, als Dr. Google zu fragen. Gesundheitskompetenz bedeutet Gesundheitsinformationen finden, verstehen, bewerten und in der Praxis umsetzen zu können. Da müssen wir noch besser werden – auch in Deutschland. Mehr als die Hälfte der Menschen hierzulande verfügt laut einer aktuellen Studie nur über eine geringe bzw. eingeschränkte Gesundheitskompetenz. Mangelnde Gesundheitskompetenz ist aber vor allem auch ein soziales Problem, denn die meisten Menschen mit unzureichender Gesundheitskompetenz sind Ältere, Menschen mit einem niedrigeren Bildungs- oder Einkommensstatus oder Menschen mit Migrationshintergrund. Gesundheitskompetenz ist also auch wichtig für den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft. Sie zu fördern, ist eine politische Aufgabe.

Das Patientenwohl muss entscheidender Maßstab für gesundheitspolitische Entscheidungen sein, die Patientenorientierung ist das Leitbild für das gesamte Gesundheitswesen. Darum ist die Förderung der Gesundheitskompetenz auch erstmals im Koalitionsvertrag der Bundesregierung verankert. Im Gesundheitsquintett der fünf deutschsprachigen Länder DEU, CH, AU, LUX, Lichtenstein haben wir uns darauf verständigt, gemeinsam die Stärkung der Gesundheitskompetenz voranzubringen.

Eine steigende Gesundheitskompetenz der Bevölkerung nützt nicht nur jedem einzelnen Patienten, sondern auch allen Verantwortlichen im Gesundheitswesen. Denn je mehr Wissen Patienten über ihre eigene Gesundheit, Krankheit, ihre Symptome und Behandlungsmöglichkeiten haben, desto erfolgreicher kann auch eine Therapie sein. Gleichzeitig ist ein fundiertes Gesundheitswissen eine wichtige Grundlage dafür, dass Erkrankungen wie etwa Diabetes Typ II gar nicht erst entstehen.

Fehlende Gesundheitskompetenz hat auch finanzielle Auswirkungen: Die OECD schätzt, dass 3 bis 5 Prozent der Behandlungskosten im Gesundheitswesen durch bessere Gesundheitskompetenz eingespart oder besser verwendet werden könnten. Allein für Deutschland würde dies etwa 9 bis 15 Milliarden Euro pro Jahr bedeuten.

Um Gesundheitskompetenz entscheidend zu verbessern, kommt es darauf an, die Menschen in ihren Lebenswelten zu erreichen. Es geht um das Alltagsleben der Menschen, es geht um Bildung und Erziehung, um Konsum und Ernährung, um Wohnen und Arbeiten, um den Umgang mit den Medien, aber natürlich auch um mehr Verständlichkeit im Austausch von Ärztinnen und Ärzten auf der einen und den Patientinnen und Patienten auf der anderen Seite. Gerade hier zeigt sich, dass Menschen mit einer eingeschränkten Gesundheitskompetenz ihre Ärztin/ihren Arzt deutlich häufiger aufsuchen. Und es zeigt sich auch, dass viele Menschen dann in der Praxis – ein Gespräch dauert im Schnitt acht Minuten! – häufig nur die Hälfte der Informationen wirklich verstehen. Deshalb ist „shared decision making“, also eine gemeinsame Entscheidungsfindung zwischen Arztinnen und Ärzten und Patientinnen und Patienten, so wichtig. Sie trägt maßgeblich zum Erfolg einer Therapie bei. Das verhindert Leid von Patientinnen und Patienten und Angehörigen. Und das spart Kosten für das Gesundheitswesen.

Welchen Herausforderungen sind Sie bei der Entwicklung Ihrer landesweiten Strategie zur Gesundheitskompetenz begegnet?

Weil das Thema Gesundheitskompetenz so komplex ist, müssen auch die politischen Antworten darauf vielschichtig sein. Wenn man die Praxis in den Alltagswelten der Menschen verbessern will, dann braucht man die gesundheitspolitischen Akteure, die hierauf Einfluss nehmen können, also die Leistungserbringer, die Kassen, die Patientenvertretungen und natürlich auch die Politik selbst.

Zusammen mit den Spitzen der Selbstverwaltung des deutschen Gesundheitswesens haben wir deshalb vor zwei Jahren die Allianz für Gesundheitskompetenz ins Leben gerufen. Alle 16 Partner haben sich darauf verpflichtet, auf drei Feldern neue Projekte für eine bessere Gesundheitskompetenz zu entwickeln: Erstens bei der Gesundheitsbildung, zum Beispiel in Kitas, Schulen oder Betrieben. Zweitens geht es um bessere verständliche und praxisnahe Informationen, vor allem im Internet und in Form von Apps und anderen digitalen Formaten. Und drittens geht es um eine bessere Kommunikationskompetenz der Ärztinnen und Ärzte, aber auch generell in den Gesundheitsfachberufen. Das betrifft vor allem die Aus-, Weiter- und Fortbildung.

Ein wichtiges Ziel der Allianz ist es darüber hinaus, neue wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen. Im Februar 2018 ist ein wissenschaftlich fundierter Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz von einer Reihe renommierter Wissenschaftler/innen der Öffentlichkeit vorgestellt worden, der die zentralen Herausforderungen benennt und Antworten darauf gibt. In diesem Zusammenhang fördern wir deshalb auch praxisnahe wissenschaftliche Projekte, die sich insbesondere an die Gruppen wenden, die mit der Gesundheitskompetenz größere Probleme haben als andere.

Eine zentrale Herausforderung ist dabei die Digitalisierung. In Deutschland informieren sich bereits mindestens 40 Millionen Menschen im Internet über Gesundheitsthemen, Tendenz rasch steigend. Zwei Drittel der Deutschen googlen nach ihrem Arztbesuch Informationen zu den Befunden. Die Zahl der Anbieter von Gesundheitsinformationen im Netz ist groß, die Qualität aber höchst unterschiedlich. Fehlinformationen und falsche, selbstgestellte Diagnosen sind dabei häufig die Folge. Hinzu kommt ein wachsender Markt mit kommerziell genutzten Gesundheitsdaten, bei dem die Nutzer oft nicht erkennen, was mit ihren Daten geschieht.

Wir arbeiten deshalb mit Hochdruck an einem digitalen nationalen Gesundheitsportal. Das Portal soll dafür sorgen, dass sich Bürgerinnen und Bürger schnell, zentral, verlässlich, werbefrei und gut verständlich über alle Themen rund um Gesundheit und Pflege informieren können. Das Portal soll streng an den Kriterien der Nutzerorientierung, der Transparenz sowie des Datenschutzes ausgerichtet werden. Es schließt damit eine deutliche Lücke in der Bereitstellung evidenzbasierter Gesundheitsinformationen und kann so einen zentralen Beitrag für mehr Gesundheitskompetenz und Patientenorientierung im digitalen Zeitalter liefern.

Wie wird der Erfolg des Programms gemessen und wie wissen Sie, wann Ihre Ziele erreicht sind?

Die Allianz für Gesundheitskompetenz und der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz haben sich klare Ziele gesetzt, die immer wieder daraufhin überprüft werden müssen, in welchem Umfang sie erreicht worden sind oder erreicht werden können. Alle Maßnahmen von der Lehrplanentwicklung über mehr Aufklärung bei der Arzneimitteltherapie bis hin zur Entwicklung laienverständlicher Entlassinformationen werden entwickelt und zugleich evaluiert. Es geht dabei auch nicht nur um die Gesundheitskompetenz von Menschen, sondern vor allem auch um ganze Organisationen. Denn nur wenn sich ein Krankenhaus die Förderung der Gesundheitskompetenz in allen Bereichen auf seine Fahnen geschrieben hat, können auch einzelne Ärztinnen und Ärzte in der gemeinsamen Entscheidungsfindung erfolgreich sein. Das heißt z.B.: Wie können Projekte für eine bessere Gesundheitskompetenz in den Organisationen – also in Praxen, in Krankenhäusern, aber auch in Krankenkassen oder Patientenselbsthilfegruppen – besonders wirksam werden? Wie lassen sich besonders benachteiligte Bevölkerungsgruppen noch besser erreichen? Und: Was brauchen wir, um unsere Erfolge messbar zu machen und daraus für die Zukunft zu lernen?

Im Februar kommenden Jahres werden wir auf einer groß angelegten Konferenz der Allianz für Gesundheitskompetenz und des Nationalen Aktionsplans Gesundheitskompetenz mit einem breiten Fachpublikum über die Ergebnisse, die gemachten Erfahrungen und die kommenden Herausforderungen zur Stärkung der Gesundheitskompetenz diskutieren. Wir haben das Ziel, beim Erreichten nicht stehen zu bleiben. Die Konferenz wird konkrete Ergebnisse für das künftige Handeln erarbeiten.

Wie hat die Öffentlichkeit auf die Strategie zur Gesundheitskompetenz reagiert?

Ich war vor kurzem bei der Verleihung des Berliner Gesundheitspreises. Das ist eine Institution, die es schon seit rund zwanzig Jahren gibt und die viel Renommee entwickelt hat. In diesem Jahr war die Gesundheitskompetenz das Thema. Das zeigt beispielhaft, wie sehr das Thema Gesundheitskompetenz in der Öffentlichkeit inzwischen auf breite Resonanz stößt. Und das ist ja auch kein Wunder, denn clevere Lösungen helfen den Menschen unmittelbar in ihrer Alltagsentscheidung. Nehmen wir nur die Preisträger in diesem Jahr, die Initiatoren von „Was hab‘ ich?“. Sie haben einen laienverständlichen Patientenbrief für alle entwickelt, eine großartige Idee. Das klingt erst einmal teuer, ist es aber gar nicht, wenn man menschliches Knowhow und Software klug zusammenspielen lässt. Die Preisträger haben 2011 eine Internetplattform zum Übersetzen unverständlicher Befunde gegründet, mit Ärztinnen und Ärzten (bzw. Medizinstudierenden) als Übersetzern. Denn das Problem ist, dass viele Menschen den Entlassbrief, z.B. nach einem Krankenhausaufenthalt nicht verstehen und dann häufig entsprechend falsch handeln. Bei „Was hab‘ ich?“ kann man ihn sich verständlich übersetzen lassen. Und die Macher haben dazu inzwischen über 10.000 laienverständliche Textbausteine erstellt. Software kombiniert sie automatisiert zu einem individuellen Brief, in dem Krankheitsbild, gemachte Untersuchungen und verordnete Medikamente ausführlich erklärt werden. Das ist ein überschaubarer Aufwand, aber ein großer Nutzen, da für alle anwendbar. Und der Erfolg gibt ihnen Recht, denn die Menschen sind begeistert und nutzen das Angebot ausgiebig.

Weil das Gesundheitssystem immer komplexer und leider auch oft kompliziert wird, brauchen wir mehr Gesundheitskompetenz. Das spiegelt sich in immer mehr Veranstaltungen, Konferenzen, Publikationen und digitalen Angeboten, wie z.B. Apps. Auch auf unsere Forschungsförderbekanntmachung haben wir rund sechzig Anträge von Forschungseinrichtungen erhalten – eine bemerkenswerte Reaktion. Gesundheitskompetenz ist kein Nischenthema mehr. Und das hat vor allem auch mit der Digitalisierung zu tun. Ich will, dass alle gesetzlich Versicherten in Deutschland spätestens ab 2021 Anspruch auf eine elektronische Patientenakte haben. Dafür haben wir jetzt die gesetzliche Grundlage geschaffen. Aber das bedeutet auch mehr Informationsbedarf im Umgang mit den Daten auf allen Seiten. Wir brauchen also mehr digitale Gesundheitskompetenz. Die Digitalisierung schafft also immer mehr Möglichkeiten für eine bessere Gesundheitskompetenz, wie das Beispiel von „Was hab‘ ich?“ zeigt. Aber sie erfordert auch mehr Gesundheitskompetenz als früher. Alle Beteiligten wissen, dass sie sich darauf einstellen müssen. Deshalb steigt die öffentliche Resonanz für das Thema so deutlich an. Und deshalb ist es auch so wichtig, fachliche und öffentliche Medieninformationen stärker an der Verständlichkeit und an den Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer auszurichten. Das wollen wir mit dem nationalen Gesundheitsportal im Internet erreichen.

Wie passt die deutsche Strategie zur Gesundheitskompetenz zu den Zielen der Europäischen Region der WHO und wie ist sie mit diesen Zielen verbunden?

Viele Länder der europäischen Region der WHO stehen vor ähnlichen Herausforderungen, die Gesundheitskompetenz in ihren Ländern zu verbessern. Für mich ist das ein Grund mehr, unsere Aktivitäten in Deutschland mit einem Engagement auf internationaler Ebene zu verbinden. Das tue ich beispielsweise im Gesundheitsquintett, der gemeinsamen Initiative der fünf deutschsprachigen Gesundheitsministerinnen und -minister. Die Schweiz, Österreich, Luxemburg, Liechtenstein und Deutschland haben sich dazu bekannt, die Gesundheitskompetenz gezielt und nachhaltig im Sinne der Bevölkerungsgesundheit voranzutreiben und damit auch das nationale Gesundheitswesen insgesamt zu stärken. Wir wollen Anstöße geben. Die Initiative sieht sich deshalb als Impulsgeber innerhalb der WHO-Europa, um das Thema Gesundheitskompetenz noch stärker in der Agenda zu verankern.

Ein konkreter Erfolg ist zum Beispiel die Gründung des Aktionsnetzwerks zur Messung von Gesundheitskompetenz (M-POHL). Das Netzwerk hat sich im Kontext der „European Health Information Initiative“ (EHII) der WHO-Europa gebildet und im Februar des letzten Jahres seine Arbeit aufgenommen. Als Zusammenschluss von Experten, die aufbauend auf der europäischen Vergleichsstudie von 2012 an einer erneuten europäisch vergleichenden Messung der Gesundheitskompetenz arbeiten, trifft sich das Netzwerk regelmäßig, im August 2019 z.B. in Berlin. Das Bundesministerium für Gesundheit fördert die entsprechende Nachfolgestudie für Deutschland finanziell und organisatorisch. Solche internationalen Netzwerke sind wichtig, um das Thema immer wieder in die Öffentlichkeit zu tragen.

Die Projekte der Allianz, die Förderung von praxisorientierter Forschung, die Entwicklung eines digitalen Informationsportals und weitere Schritte bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens bilden eine gemeinsame Strategie, um die Gesundheitskompetenz in Deutschland nachhaltig zu stärken. Dieses strategische Ineinandergreifen verschiedener Ansätze könnte vielleicht auch ein Modell für andere Länder der WHO-Region Europa sein. Das würde mich sehr freuen.