Interview zur Testung von Rückenschmerz-Apps: Anwendung in der physiotherapeutischen Praxis

Frau Kathrin Keitsch-Wolff spricht über den Nutzen von digitalen Versorgungsangeboten (DiVAs) für Patientinnen und Patienten in der physiotherapeutischen Behandlung.

Kurzbiografie

Kathrin Keitsch-Wolff hat eine Praxis für Ostheopathie und Physiotherapie im brandenburgischen Wandlitz/Stolzenhagen, ca. 30 km von Berlin entfernt. Nach ihrer Ausbildung an der Medizinischen Fachschule „Dr. Otto Schlein“ in Magdeburg bildete sie sich stetig weiter: Neben einem sechsjährigen Studium der osteopathischen Medizin und einem zusätzlichen Bachelor im gleichen Fach, absolvierte sie Ausbildungen in Psychomotorik, Bobath und Manueller Therapie. Seit 2000 unterrichtet sie pädiatrische Krankengymnastik und war Fachsbereichsleiterin am AVT-College für Osteopathische Medizin in Nagold. 2015 qualifizierte sich Keitsch-Wolff schließlich zur Heilpraktikerin.

Frau Keitsch-Wolff, warum haben Sie sich entschlossen, an der Testung von digitalen Versorgungsangeboten (DiVAs) im Rahmen der Zukunftsregion Digitale Gesundheit (ZDG) mitzuwirken?

Da ich als Therapeutin im ländlichen Gebiet tätig bin, ist es mir schon seit längerer Zeit ein Anliegen auch digitale Angebote zu nutzen. Termine sind rar, die Therapiezeit ist knapp und die Anleitung für die Hausübungen am Ende der Behandlung fällt stets unzureichend aus. Dabei ist gerade das tägliche Trainieren zu Hause für die Patientinnen und Patienten so wichtig. Ohne ihre Eigenaktivität ist meine hochqualifizierte Arbeit leider nicht so effektiv wie sie sein könnte.

Im Rahmen der ZDG haben Sie zwei verschiedene digitale Versorgungsangebote für Patientinnen und Patienten zur Auswahl. Wonach entscheiden Sie, welche DiVA Sie empfehlen? Was berücksichtigen Sie? Wie beziehen Sie die Patientin oder den Patienten mit ein?

Ich habe mich entschieden, grundsätzlich eine einfach bedienbare App zu empfehlen. Die Anleitung ist unkompliziert. Es gibt Videos und sprachliche Erläuterungen. Aber ausschlaggebend war die Möglichkeit, mit den Entwicklerinnen und Entwicklern der App auch über die Chatfunktion kommunizieren zu können. Dies wurde auch tatsächlich von meinen Patientinnen und Patienten genutzt und war hilfreich.

Bei der Behandlung welcher Patientinnen und Patienten versprechen Sie sich einen besonderen Nutzen durch die DiVAs? (z.B. Alter, Krankheit, Fallschwere, Behandlungsturnus etc.)

Ich denke, der Einsatz der DiVAs nutzt grundsätzlich allen Patientinnen und Patienten.

An welchen Stellen haben Sie die DiVAs in Ihre Arbeit eingebunden? Bei der Vorbereitung auf die Behandlung, während der Behandlung, nach der Behandlung, zur Überbrückung von Wartezeiten auf einen Termin?

Aktuell nutze ich die App für die Therapieintervalle. Perspektivisch möchte ich sie aber auch für die Therapievorbereitung einsetzen. Denn nur wenn die Patientin oder der Patient bereit ist, selbst etwas für seine Gesundheit zu tun, lassen sich die Beschwerden lindern. Das ist auch ein pädagogischer Prozess, der sich aber bewährt.

Wie groß ist die Bereitschaft Ihrer Patientinnen und Patienten an der Testung digitaler Versorgungsangebote mitzuwirken? Welche Rückmeldungen haben Sie bisher erhalten? Welche Faktoren sind Ihrer Meinung nach ausschlaggebend, ob Patientinnen und Patienten sich für die Nutzung einer DiVA entscheiden?

In meiner Sprechstunde sind tatsächlich sehr viele meiner Patientinnen und Patienten dazu bereit, die DiVAs zu nutzen. Jedoch scheint es in der Umsetzung noch Schwierigkeiten zu geben – vielleicht auch eher Hemmungen. Bei allen Reports, die mir bisher geschickt wurden, konnte ich Effekte erkennen. Ob es die Veränderung der Schmerzlokalisation, der Schmerzstärke, der Übungsauswahl oder auch der Regelmäßigkeit ist, alles sind interessante Details für die weitere Arbeit an den Beschwerden. Durch die Reports bleibe ich auch über die Distanz in Verbindung mit den Patientinnen und Patienten. Jeder Report wird von mir innerhalb von 24 Stunden, meist noch am gleichen Tag, beantwortet. Das ist natürlich auch ein Motivationsschub für die Betroffenen. Alle Argumente, die ich bislang meinen Patientinnen und Patienten mitgegeben habe – wie ihren Eigenanteil an der Therapie, Aktivitäten im angemessenen Rahmen, Begleitung durch den Therapierenden und die Entwicklerinnen und Entwickler der DiVA – werden von ihnen angenommen.

Welche zusätzlichen Aufgaben sind für Sie und Ihr Praxisteam mit der Nutzung der DiVAs entstanden? Wo sehen Sie mögliche Entlastungen durch digitale Versorgungsangebote?

Die Beantwortung der Reporte erfordert natürlich zusätzliche Arbeitszeit – oft am Abend. Bei Schwierigkeiten bei der Installation besuche ich die Patientinnen und Patienten zu Hause, denn von der Therapiezeit möchte ich nicht noch zusätzlich Zeit abgeben. Bereits bei der Installation ist es aber entscheidend, alle wichtigen Details mit den Patientinnen und Patienten zu besprechen, sonst wird die DiVA nicht optimal genutzt und von ihnen als Belastung empfunden.

Welchen Nutzen werden digitale Versorgungsangebote (z.B. Apps) zukünftig für die physiotherapeutische Behandlung und Kommunikation mit Patientinnen und Patienten haben?

Ich denke, dass wir bei den knappen personellen Ressourcen im Gesundheitswesen ohne DiVAs kaum noch auskommen werden. Für mich ist die Möglichkeit an diesem Projekt teilzunehmen der eindeutige Beweis dafür, dass DiVAs sehr sinnvoll und hilfreich für alle Beteiligten sind.