Ziel 12a/12b/13 - Stärkung der kommunikativen Kompetenz der Leistungserbringer und der Patientenkompetenz

Ziel 12a: Alle in der onkologischen Versorgung tätigen Leistungserbringer verfügen über die notwendigen kommunikativen Fähigkeiten zu einem adäquaten Umgang mit Krebspatientinnen bzw. -patienten und ihren Angehörigen:

  • In der Aus-, Weiter- und Fortbildung der Gesundheitsberufe wird die Vermittlung adäquater Kommunikationskompetenzen verbessert.
  • Die Kommunikationsfähigkeiten werden im Rahmen der Qualitätssicherung laufend überprüft und trainiert.

Ziel 12b: Stärkung der Patientenkompetenz

Ziel 13: Die Patientinnen und Patienten werden aktiv in die Entscheidung über medizinische Maßnahmen einbezogen:

  • Bereitstellung evidenzbasierter Patienteninformationen im Prozess der Behandlung zur Unterstützung der Entscheidungsfindung
  • Praktizierung der Partizipativen Entscheidungsfindung (Umsetzung der Verfahren des "shared decision making")

Aufgrund der engen thematischen Nähe sowie der inhaltlichen Überschneidungen wurden die Ziele 12 (a und b) und 13 gemeinsam bearbeitet und in einem "Ziele-Papier" zusammengefasst.

Hintergrund zu Ziel 12a

Bei Ziel 12a geht es um die Förderung bzw. Verbesserung der kommunikativen Kompetenzen der Leistungserbringer (insbesondere von Ärztinnen/Ärzten und Pflegepersonal) im Umgang mit krebskranken Menschen und deren Angehörigen. Die patientenzentrierte Kommunikation umfasst eine verständliche und einfühlsame Informationsvermittlung bezüglich Diagnose, Behandlungsmöglichkeiten und Verlauf der Erkrankung sowie auch die Mitteilung von ungünstigen Nachrichten. Hierfür sind seitens der Leistungserbringer entsprechende soziale und kommunikative Kompetenzen erforderlich.

Die Experten-Arbeitsgruppe zum Handlungsfeld 4 des Nationalen Krebsplans konzentrierte sich zunächst auf die ärztlichen und pflegerischen Berufsgruppen. Ob und inwieweit für beide Berufsgruppen Defizite in der Aus-, Weiter- und Fortbildung bestehen, wurde im Rahmen einer Studie durch eine weitergehende Bestandsaufnahme überprüft ("Ist-Analyse der kommunikativen Kompetenzen in der ärztlichen und pflegerischen Aus-, Weiter- und Fortbildung").

Die nachfolgenden Umsetzungsempfehlungen der Experten-Arbeitsgruppe beziehen sich auf die Aus-, Weiter- und Fortbildung, wobei die entsprechend berufsrechtlichen Zuständigkeiten (insbesondere Länder und Berufskammern) zu berücksichtigen sind.

Empfehlungen und konkrete Maßnahmen zu Ziel 12a

Vor diesem Hintergrund hat die Experten-Arbeitsgruppe folgende Maßnahmen empfohlen, die nachfolgend durch eine weitere Arbeitsgruppe "Umsetzungsempfehlungen zu Ziel 12a" konkretisiert wurden:

Die Ergebnisse zeigen, dass die Vermittlung kommunikativer Kompetenzen in Deutschland zu theoretisch, häufig zu spät und nicht ausreichend koordiniert geschieht. Aus der Studie lässt sich ein Bedarf für einheitliche Curricula ableiten.

Die Experten empfehlen sowohl für den ärztlichen als auch pflegerischen Bereich die Entwicklung von Modell-Curricula für die Aus-, Weiter- und Fortbildung.

Maßgeblich für die Schaffung entsprechender Angebote für die ärztliche Ausbildung waren die Ergebnisse des vom BMG geförderte Projekt "Kommunikative Kompetenzen von Ärztinnen und Ärzten in der Onkologie – Entwicklung eines longitudinalen onkologischen Mustercurriculums Kommunikation auf Basis der Umsetzungsempfehlungen des Nationalen Krebsplans". Basis waren die im Nationalen kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin (NKLM) definierten Kompetenzen und Lernziele zur ärztlichen Gesprächsführung. Die Ergebnisse wurden auf einem Symposium in Heidelberg am 29. Februar und 1. März 2016 der Öffentlichkeit vorgestellt und diskutiert sowie mit einer politischen Absichtserklärung zur weiteren Umsetzung an den medizinischen Fakultäten ("Heidelberger Erklärung") flankiert. Nähere Informationen finden Sie hier.

Nachfolgend sollen auch für die ärztliche Weiter- und Fortbildung entsprechende Angebote erarbeitet werden. Für die pflegerische Aus-, Weiter- und Fortbildung soll analog verfahren werden.

Im Bereich der pflegerischen Ausbildung fördert das BMG derzeit ein Projekt zur Entwicklung eines Mustercurriculums "Kommunikative Kompetenzen in der Pflege".

Für die ärztliche Ausbildung wird diese Empfehlung bereits durch die Maßnahme 2 umgesetzt. Für die ärztliche Weiter- und Fortbildung sollen aufbauend auf dem NKLM ebenfalls kompetenzorientierte Lernziele definiert werden.

Für die pflegerische Ausbildung ist in den Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen Beratung, Anleitung und Unterstützung als verbindliches Themenfeld für die Ausbildung und Prüfung festgelegt. Es wird empfohlen, im Rahmen des Mustercurriculums Kommunikation in der Pflege die zu erwerbenden kommunikativen Kompetenzen zu definieren. Für die Bereiche der Weiter- und Fortbildung sollen analoge curriculare Angebote entwickelt werden.

Bis die unter 2 und 3 beschriebenen Maßnahmen in Aus-, Weiter- und Fortbildung für die Versorgung greifen, soll in zertifizierten Zentren der onkologischen Versorgung die entsprechende kommunikative Kompetenz der ärztlichen Behandler und Pflegefachpersonen über die Teilnahme an Qualifizierungsmaßnahmen nachgewiesen werden. Dabei sollen insbesondere für bestimmte Lebenssituationen, wie für Krebskranke mit absehbar begrenzter Lebenserwartung, Betreuungs- und Kommunikationskonzepte erarbeitet werden.

Hierzu fördert das BMG derzeit zwei Projekte:

  • Mit dem Vorhaben Heidelberger Meilenstein-Kommunikation HeiMeKom wird ein interprofessionelles Konzept für Erkrankte mit einer begrenzten Prognose entwickelt. Ziel ist, die Lebensqualität der Krebskranken zu verbessern, präferenzsensitive und vorausschauende Entscheidungen gemeinsam mit den an Krebs Erkrankten zu fällen, und - wenn geboten - eine frühe Einbindung von Palliative Care im Behandlungsverlauf zu ermöglichen.
  • Im Projekt „Förderung der Kommunikationskompetenz im Rahmen der ärztlichen Weiterbildung: Entwicklung und Implementierung eines Mentorings am Beispiel der urologischen Onkologie“ (KomMent) wird ein Trainingsprogramm zur Förderung der Kommunikationskompetenz in der ärztlichen Weiterbildung entwickelt und erprobt.

Aktuell bietet sich die Chance, die Implementierung der verschiedenen Maßnahmen im Bereich Kommunikation wissenschaftlich zu begleiten. Es wird daher empfohlen, Studien oder Erhebungen durchzuführen, die die aktuelle kommunikative Kompetenz sowohl von Studierenden als auch onkologischen Leistungserbringern in den zertifizierten Zentren erfassen. Hierbei soll explizit die Perspektive der Patient(inn)en und deren Angehörigen berücksichtigt werden.

Die Bearbeitung dieser Umsetzungsempfehlung wurde zurückgestellt, da die Entwicklung finanzieller Anreizsysteme zur Förderung der ärztlichen Gesprächsführung, z. B. durch die Anpassung der ärztlichen Honorierung oder der Fallpauschalen, den Rahmen und die Möglichkeiten des Nationalen Krebsplans weit übersteigt.

Es wird empfohlen, die unter 2 dargestellten Curricula für die Aus-, Weiter- und Fortbildung im ärztlichen und pflegerischen Beruf flächendeckend zu implementieren. Den hierfür zuständigen Verantwortlichen wird vorgeschlagen, innovative Konzepte und die hier formulierten Empfehlungen flächendeckend im Rahmen ihrer Verantwortungsbereiche umzusetzen.

Aufgrund der zunehmenden Bedeutung kommunikativer Kompetenzen im Gesundheitswesen sollen langfristig auch weitere in der Onkologie tätige Berufsgruppen berücksichtigt werden. Aus Gründen der Machbarkeit beschränkt sich aber der Nationalen Krebsplans zunächst auf die Gruppe der ärztlich und pflegerisch Tätigen.

Hintergrund zu Ziel 12b

Ziel 12b befasst sich mit der Stärkung der Patientenkompetenz durch Informations-, Unterstützungs- und Beratungsangebote sowie durch Verbesserung der Rahmenbedingungen und Entwicklung von Anreizen für Professionelle zur Förderung der Patientenkompetenz. Im Kontext onkologischer Erkrankungen beschreibt die Patientenkompetenz auf verschiedenen Ebenen, wie Patienten durch ihr Erleben, Bewerten, Wissen und Handeln ihre Erkrankung und deren Behandlung verarbeiten und bewältigen. Sie spiegelt die Entwicklung von der traditionell paternalistisch geprägten Arzt-Patient-Beziehung hin zu einem Verständnis vom Patienten als einem aktiven, gleichberechtigten Partner in der Behandlung wider. Patientenkompetenz beinhaltet das Bestreben, den eigenen Weg in der Erkrankung zu gehen und aus eigenen Kräften zur Verbesserung des Krankheitsverlaufs beizutragen. Hierbei stellt die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen und patientengerechte Informationen sowie eine qualifizierte, sachbezogene und individuelle Beratung und Unterstützung einzufordern, ein zentrales Element dar. Somit ist auch die Kommunikationsfähigkeit der an Krebs Erkrankten von erheblicher Bedeutung. Allerdings sollte die Stärkung der Patientenkompetenz ein Angebot sein, das nicht zu einer zusätzlichen Belastung oder sogar Überforderung der Krebskranken führen darf.

Empfehlungen und Maßnahmen zu Ziel 12b

Ein wissenschaftlich fundiertes Konzept zur Patientenkompetenz befindet sich noch in der Entwicklung. Daher besteht vorrangiger Handlungsbedarf im Bereich der Forschung sowie der Ausarbeitung von Grundlagen für eine angemessene Umsetzung in die Patientenversorgung. Als Maßnahmen wurden empfohlen:

  1. Ist-Analyse zum Konzept der Patientenkompetenz hinsichtlich der wissenschaftlichen Ausarbeitung und Operationalisierung

  2. Darauf aufbauend Erhebung der Patientenkompetenz bei Betroffenen in verschiedenen Phasen ihrer Erkrankung im Hinblick auf soziodemographische Merkmale, subjektive Präferenzen, Relevanz, Einstellungen und Ausprägungsgrade

  3. Systematische Erhebung der Wünsche von Krebskranken hinsichtlich der Informations- und Schulungsmaßnahmen zur Stärkung der Patientenkompetenz

  4. Entwicklung und Implementierung von Angeboten zur evidenzbasierten Information (z. B. Patientenleitlinien, Entscheidungshilfen, Beratungskonzepte) für Patienten und Angehörige sowie Förderung der Patientenkompetenz im gesamten Behandlungsverlauf

  5. Vor einem flächendeckenden Ausbau von Angeboten zur Stärkung der Patientenkompetenz bei Krebskranken modellhafte Erprobung und Evaluation der unter Punkt 4. genannten Angebote

Hintergrund zu Ziel 13

Ziel 13 konzentriert sich auf die bessere Einbeziehung von an Krebs Erkrankten in die Entscheidungen über medizinische Maßnahmen im Sinne einer partizipativen Entscheidungsfindung (PEF). Die Umsetzung einer stärkeren Patientenbeteiligung erfolgt im direkten Gespräch zwischen Ärztin oder Arzt und Krebskranken und umfasst deren Zusammenarbeit beim Herbeiführen individueller medizinischer Entscheidungen zu diagnostischen oder therapeutischen Maßnahmen. Insofern baut die Realisierung des Ziels 13 auf der Umsetzung der Ziele 12a und 12b auf. Das PEF-Konzept wurde primär für chronische Erkrankungen entwickelt und ist für Tumorerkrankungen besonders geeignet, weil hier komplexe Behandlungsalternativen mit variierenden Kurz- und Langzeitnebenwirkungen sowie bedeutsamen Auswirkungen auf die körperliche und psychische Lebensqualität der Krebskranken bestehen.

Die partizipative Entscheidungsfindung ist als Konzept für die Onkologie und andere chronische Erkrankungen zwar gut ausgearbeitet und international in zahlreichen Studien erfolgreich evaluiert worden, allerdings ist sie in der onkologischen Versorgung noch wenig verankert.

Empfehlungen und Maßnahmen zu Ziel 13

Die Experten-Arbeitsgruppe hat folgende Maßnahmen empfohlen:

  1. Bestandsaufnahme der bisherigen Verankerung der PEF in der onkologischen Versorgung

  2. Erarbeitung und Weiterentwicklung von medizinischen Entscheidungshilfen in der Onkologie einschließlich Vorschlägen zur Risikokommunikation und deren Implementierung

  3. Integration von Trainingsmodulen zur PEF (Gesprächs- und Kommunikationstechniken einschließlich angemessener Risikokommunikation) in entsprechende Curricula zur ärztlichen und pflegerischen Aus-, Weiter- und Fortbildung

  4. Überprüfung der Umsetzung in und Anpassung der PEF-Module an die Strukturen einer leitlinienorientierten klinischen Entscheidungsfindung in der Onkologie, insbesondere in Tumorkonferenzen und Tumorboards

Aufgrund des noch in vielen Teilaspekten offenen Kenntnisstandes ist der Forschungsbedarf zu den Zielen 12a, 12b und 13 sehr groß. Daher ist erforderlich, bei der stufenweisen Umsetzung der genannten Maßnahmen die jeweilig erbrachten Forschungsergebnisse der insbesondere derzeit im Förderschwerpunkt "Forschung im Nationalen Krebsplan" vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Projekte kontinuierlich zu berücksichtigen und einzuarbeiten.

Der Förderschwerpunkt konnte zwischenzeitlich abgeschlossen werden. Die Ergebnisse wurden auf einer Abschlussveranstaltung am 18. und 19. Mai 2016 in Berlin erstmals der Fachöffentlichkeit vorgestellt und diskutiert. Nähere Informationen finden Sie hier.

Zudem befasst sich eine im März 2018 neu installierte Querschnitts-Arbeitsgruppe „Gesundheitskompetenz und Patientenorientierung in der Onkologie“ mit der Weiterentwicklung der aus Handlungsfeld 4 des Nationalen Krebsplans resultierenden bisherigen Ergebnisse.