Spahn: "Wir haben die Situation vom ersten Tag an sehr ernst genommen "

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn diskutiert in Bild am Sonntag mit KBV-Vorstandsvorsitzenden Andreas Gassen und ABDA-Präsident Friedemann Schmidt über die Lage in Deutschland zum Coronavirus

BILD am SONNTAG: Herr Spahn, zu Beginn der Coronakrise sagten Sie: „Wir sind gut vorbereitet.“ Jetzt müssen Arztpraxen schließen, weil Desinfektionsmittel fehlt, haben Krankenhäuser nicht genügend Schutzanzüge. Haben Sie die Situation unterschätzt?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn: Wir haben die Situation vom ersten Tag an sehr ernst genommen. Unsere Experten vom Robert-Koch-Institut haben regelmäßig die Lage in China bewertet. Anfangs wussten wir wenig über das Virus. Es ist eben ein neues Coronavirus. Es war schwer vorhersagbar, wann und ob das Virus Europa erreicht. Das ist jetzt passiert. Zum ersten Mal stecken sich mehr Deutsche im In- als im Ausland an.

Wenn spezialisierte Arztpraxen, etwa für Dialysepatienten, wegen Corona dicht machen müssen, gibt es nicht überall Ersatzstrukturen. Werden Risikopatienten sterben müssen, weil die Versorgung zusammenbricht?

Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung: Nein. Dass jemand an einer anderen Erkrankung stirbt, weil wir einen Notstand wegen Corona haben, würde ich für ausgeschlossen halten. Bei rund 170.000 niedergelassenen Ärzten wird es mal das eine oder andere Problem geben. Aber Corona ist eine Atemwegserkrankung, die in den allermeisten Fällen milde verläuft. Wir haben 28.000 Beatmungsplätze in Deutschland. Das ist mehr als die Zahl der weltweit schwer erkrankten Coronainfizierten! Das deutsche Gesundheitssystem ist extrem leistungsfähig. Wenn man schon an Corona erkrankt, dann am besten in Deutschland!

Friedemann Schmidt, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände: Die Strategie, im Kampf gegen das Virus Zeit zu gewinnen, ist bislang in Deutschland sehr erfolgreich. Wir konnten den Moment des tatsächlichen Ausbruchs nach hinten schieben. So haben wir jetzt erste Erkenntnisse gewonnen, was man tun kann. Erste Therapien werden erprobt. Jeder Tag, den wir gewinnen, ist wichtig!

Rechnen Sie mit Todesfällen? 

Spahn: Wir wissen bisher, dass die Erkrankung häufig milde verläuft. Einige Patienten erkranken schwer, aber auch von den schwer Erkrankten sterben sehr wenige. Für ältere Menschen, die bereits gebrechlich und krank sind, besteht ein größeres Risiko. Deshalb müssen wir auch in Deutschland mit Sterbefällen rechnen.

Sollten wie in Italien die Schulen bundesweit geschlossen werden, um eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern?

Gassen: Ich halte eine bundesweite Schulschließung für puren Aktionismus und nicht zielführend. Vertrauen schaffen wir nicht mit Symbolpolitik, sondern nur mit gezielten Maßnahmen.

Spahn: Die Schließung von Schulen können laut Infektionsschutzgesetz nur die lokalen Behörden anordnen. Ich würde eine bundesweite Schließung auch für falsch halten. Von der saisonalen Grippe wissen wir, dass sich Infekte nicht bundesweit gleich entwickeln, sondern manche Regionen mehr betroffen sind, andere weniger. Und: Wenn plötzlich alle Schulen zu wären, könnten viele Krankenschwestern und Pfleger mit Kindern nicht mehr arbeiten. Das würde die Gesundheitsversorgung schwächen, nicht stärken. Klar ist: Sicherheit geht vor. Daher werden noch mehr Großveranstaltungen abgesagt werden müssen. Das hat insbesondere für kleinere Betriebe, für Handwerker, Gastronomen oder Dienstleister große wirtschaftliche Folgen. Daher sollten wir hier über eine gezielte und zügige Hilfe nachdenken.

Viele Bürger, die sich auf das Virus testen lassen wollen, berichten von Chaos und überlasteten Hotlines.

Gassen: Wir haben bei unserer Hotline 116117 zeitweise 12.000 Anrufe pro Stunde. Da kann es schon mal passieren, dass man in der Warteschleife hängt. Das ist ärgerlich, aber nicht lebensbedrohlich. Das Virus führt nicht zu einer Erkrankung, an der man binnen Stunden stirbt. Das ist ja nicht wie ein Wohnungsbrand, bei dem die Feuerwehr binnen Minuten da sein muss, um eine Katastrophe zu verhindern.

Können Sie garantieren, dass alle Verdachtsfälle getestet werden?

Gassen: Wir haben Laborkapazitäten von nahezu 20.000 Tests pro Tag. Da wo Tests notwendig sind, können wir sie machen. Die Menschen sollten darauf vertrauen, dass Ärzte da testen lassen, wo es sinnvoll ist. Die Bürger können sicher sein: Jeder der schwerer erkrankt, wird auch behandelt werden!

Spahn: Selbst wenn man mal zwei Tage auf einen Test warten muss, ist das doch nicht dramatisch – solange man zuhause bleibt und nur leichte Symptome hat.

Wie viele Tests wurden bislang durchgeführt?

Gassen: Im mittleren fünfstelligen Bereich.

Spahn: Genau wissen wir das derzeit nicht. Bislang müssen nur Tests gemeldet werden, bei denen das Coronavirus gefunden wird. Das will ich ändern. Künftig sollen auch Test gemeldet werden, bei denen keine Infektion gefunden wird. Das hilft, die Lage insgesamt besser einzuschätzen.

Herr Schmidt, droht uns ein Medikamentenotstand? Viele Zusatzstoffe von Medikamenten kommen ja aus China, wo die Lieferketten wegen des Virus unterbrochen sind.

Schmidt: Arzneimittel-Lieferengpässe gibt es ja schon länger, zusätzliche Engpässe wegen Corona stellen wir bislang nicht fest. Wir werden aber sicherlich im Laufe des Jahres die Folgen der ausgefallenen Lieferungen aus China zu spüren bekommen. Mittelfristig müssen wir Maßnahmen treffen, um unsere Abhängigkeit von Lieferungen aus China zu verringern. Das muss aber auf europäischer Ebene geregelt werden. Es ist wichtig, diese totale Abhängigkeit bei einzelnen Wirkstoffen zu beenden, auch wenn Medikamente dann teurer werden.

Spahn: Darüber sollten wir beizeiten eine Debatte führen. Wir müssen uns grundsätzlich fragen: Wollen wir als Volkswirtschaft derart abhängig von einem einzigen Land sein? Meine Antwort ist: Nein!

Bei den Desinfektionsmitteln wurde jetzt die Erlaubnis erteilt, dass die Apotheken sie selbst herstellen dürfen.

Schmidt: Ja. Voraussetzung dafür war die Genehmigung, dass Industriealkohol genutzt werden darf. Denn der ist ausreichend in Deutschland vorhanden. In wenigen Tagen ist Händedesinfektionsmittel wieder in den meisten Apotheken verfügbar. Für private Haushalte sind 100 Milliliter völlig ausreichend.

Wie kann ich als Bürger die Zeit bis dahin überbrücken?

Spahn: Alle Experten sagen: Für den privaten Bereich reicht es, sich regelmäßig mit Seife die Hände zu waschen. Mein Appell wäre daher auch, Desinfektionsmittel vor allem denen zu lassen, die es wirklich benötigen – Krankenhäuser, Arztpraxen.

Empfehlen Sie, auf den Besuch von Veranstaltungen wie Kinobesuchen zu verzichten?

Spahn: Das hängt von den Umständen ab: Wenn man in einer Region lebt, in der es viele Neuinfektionen gibt, ist es sinnvoll, einmal weniger ins Kino gehen. Wir sollten nicht nur uns schützen, sondern auch andere. Es kann durchaus sinnvoll sein, mit Angehörigen lieber zu telefonieren als sie im Pflegeheim zu besuchen und womöglich Erreger dorthin zu tragen.

Schmidt: Es kommt auch auf das persönliche Risiko an. Wer wegen Alter oder Vorerkrankung, schlechter mit einer Infektion umgehen könnte, sollten auch mal eine Veranstaltung auslassen. Das gilt übrigens auch während einer Grippewelle.

Müssten nicht schon Bundesliga-Spiele abgesagt werden oder ohne Zuschauer stattfinden?

Gassen: Wir haben Stand jetzt (Samstag) rund 700 Infizierte in Deutschland. Die Wahrscheinlichkeit, im Lotto zu gewinnen, ist damit deutlich höher, als die, sich bei einem Besuch im Fußballstadion anzustecken. Zum jetzigen Zeitpunkt wäre es unverhältnismäßig, in großem Maße das öffentliche Leben stillzulegen.

Herr Spahn, Infekte kennen keine Ländergrenzen. Was muss denn in Europa als Lehre aus dieser Epidemie verbessert werden?

Spahn: Die europäische Seuchenbehörde ECDC ist viel zu klein, um Epidemien wie diese vernünftig begleiten zu können. Sie muss einen größeren Etat und mehr Handlungsmöglichkeiten bekommen. Wir brauchen eine Art europäisches Robert-Koch-Institut. Dafür müssen wir im nächsten EU-Haushalt das entsprechende Geld zur Verfügung stellen.

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