Spahn: „Wir haben die Chance auf einen richtig guten Sommer“

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn spricht in der Bild am Sonntag über die sinkenden Inzidenzen, Impfungen für Schülerinnen und Schüler und den digitalen Impfnachweis.

BILD am SONNTAG: Herr Minister, wann werden Sie Ihr erstes Bier wieder im Biergarten trinken?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn: Sonntags gehen mein Mann und ich gerne auf dem Land spazieren. Auch dieses Wochenende. Sollte es unterwegs irgendwo ein Bierchen geben, werde ich dort sicher eins trinken – aber ein alkoholfreies.

Die Inzidenz in Deutschland fällt gerade schneller als die Umfragewerte der CDU. Haben wir die Pandemie überstanden?

Unsere Umfragewerte steigen wieder. Und bei der Pandemie gehen die Infektionszahlen erfreulich stark zurück. Wir haben es alle zusammen geschafft, die Welle zu brechen und haben damit die Chance auf einen richtig guten Sommer.

Wann werden überall die Ausgangssperren fallen?

Bis auf wenige Ausnahme werden wir in zwei, drei Wochen im ganzen Land keine Ausgangssperren mehr brauchen. Das Wetter wird besser, die Zahl der Impfungen steigt, die Infektionen sinken, die Beschränkungen werden nach und nach fallen. Nach den langen dunklen Wintermonaten ist das unglaublich wichtig. Aber für einen unbeschwerten Sommer müssen wir die Inzidenz weiter senken. Im vergangenen Sommer lag sie unter 20. Das sollten wir wieder anstreben. Vorsicht und Umsicht gelten weiterhin.

Letztes Jahr ist es nach dem Sommer schief gegangen, da kam die zweite Welle.

Wir haben aus dem vergangenen Sommer gelernt. Damals haben die Auslandsreisen, häufig Verwandtschaftsbesuche in der Türkei und auf dem Balkan, phasenweise rund 50 Prozent der Neuinfektionen bei uns ausgelöst. Das müssen wir in diesem Jahr verhindern.

Wollen Sie Verwandtschaftsbesuche verbieten?

Nein. Aber: Wir wollen wieder Vereinbarungen etwa mit der Türkei über Tests bei der Ein- und Ausreise abschließen. Und eine Testpflicht müsste wie im letzten Jahr von den Bundesländern an der Grenze kontrolliert werden. In dieser letzten Phase der Pandemie gilt für Auslandsreisende: Testen und wachsam sein. Alles andere gefährdet unseren Erfolg.

Wird es im Sommer Open-Air-Konzerte geben?

Ja. Aber keine Rock-Festivals, wo sich Zehntausende in den Armen liegen. Konzerte im nicht voll besetzten Olympiastadion oder im Park mit Tests und Abstand sind aus heutiger Perspektive drin.

Kann die Bundesliga in der nächsten Saison wieder vor Publikum spielen?

Die Liga hat ein gutes Schutzkonzept entwickelt. Wenn die Inzidenz weiter sinkt, bin ich sicher, dass Fans im August wieder ins Stadion dürfen.

Biergärten machen auf, aber viele Schulen bleiben zu. Warum darf Papa jeden Tag mit seinen Kumpels Bier trinken, aber der Neuntklässler hat höchstens Wechselunterricht?

Das sollte so nicht sein, aber der Biergarten ist nun mal draußen, Schulunterricht dagegen 5 bis 6 Stunden drinnen. Ein Weg zu regulärem Unterricht nach den Sommerferien ist das Impfen der Jugendlichen. Noch fehlt aber dafür die Zulassung des Biontech-Impfstoffs für die 12- bis 16-Jährigen durch die europäischen Behörden. Aber die soll bald kommen.

Haben die Jugendlichen dann Vorrang in den Praxen und Impfzentren?

Das erklärte Ziel ist, dass die Länder den minderjährigen Schülerinnen und Schülern bis Ende August ein Impfangebot machen. Weil für sie wegen der Zulassung nur ein bestimmter Impfstoff in Frage kommt, müssen dafür genügend Biontech-Dosen reserviert werden.

Kinderpsychiater schlagen Alarm. So viele Jugendliche sind wegen Corona und dem Lockdown erkrankt, dass sie nur noch die schweren Fälle behandeln können. Haben Sie als Gesundheitsminister diese schlimme Nebenwirkung Ihrer Politik unterschätzt?

Das Leid der Kinder in der Pandemie beschäftigt mich sehr. Zu viele Vorsorgeuntersuchungen bei Kindern haben nicht stattgefunden, Impfungen gegen Kinderkrankheiten sind ausgefallen, dazu kommen psychische Belastungen. Ich möchte daher noch vor den Sommerferien mit Kinderärzten, Psychologen, Erziehungswissenschaftlern sprechen, wie wir diese Versäumnisse auffangen können.

Kommt das nicht viel zu spät?

Das Thema war ja immer präsent. Aber wir haben uns darauf konzentrieren müssen, das Virus zu bekämpfen. Aber wir sehen: Die  Pandemie trifft Kinder besonders hart, vor allem jene, die ohnehin schwierigere Startbedingungen haben. In Deutschland muss der Grundsatz gelten: Jedes Kind hat das Recht auf eine faire Chance im Leben. Diese Chance darf Corona nicht kaputt machen. Da sind wir als Regierung in der Pflicht.

Vor dem Kinder- kommt der Impfgipfel am Donnerstag. Ab dem 7. Juni darf sich jeder impfen lassen. Wie lange wird ein gesunder 30-Jähriger auf seine erste Spritze warten müssen?

Im Sommer wird jeder Impfwillige seine erste Impfung bekommen können. Bislang läuft die Impfkampagne sehr gut. Noch im Juni wird mehr als jeder zweite Bürger geimpft sein. Wir haben mittlerweile mehrere Male mehr Prozent der Bevölkerung an einem Tag geimpft als es Großbritannien und die USA je geschafft haben.

Sie wollen Deutschland wirklich gerade zum Impfweltmeister erklären?

Wir spielen beim Impfen jedenfalls in der Champions League. Und wir haben ein exzellentes Schnelltestsystem aufgebaut. Auch bei der Sequenzierung gefährlicher Virus-Varianten in unseren Laboren gehören wir mittlerweile zur Weltspitze. Unsere Intensivstationen waren belastet, aber keinen Tag überlastet. Das ist - allen Warnungen und Kritik zum Trotz - eine gute Bilanz.

Noch nicht alle sind überzeugt, dass es super läuft. Gerade sind die Hausärzte sauer, weil das Impf-Problem bei ihnen abgeladen wird. Die Praxishelferinnen müssen den Ansturm der Impfwilligen in geordnete Bahnen lenken...

Ich verstehe die Situation der Ärzte. Besonders die Praxisteams kriegen viel Wut ab. Daher rufe ich allen Ungeduldigen zu: wenn Sie unbedingt auf jemanden sauer sein wollen, seien Sie sauer auf mich – aber lassen Sie es nicht an Arzthelferinnen und -helfern aus, die jeden Tag vor Ort alles geben.  Weniger Verständnis habe ich übrigens für die Kritik der Ärzte-Funktionäre. Dieselben, die vor vier Wochen gesagt haben, die Priorisierung sei Impf-Bürokratie und müsse weg, kritisieren jetzt die Aufhebung. Das passt nicht zusammen.

Wann müssen wir mit der dritten Corona-Impfung loslegen?

Das ist noch unklar. Aus heutiger Sicht ist das frühestens im Winter der Fall. Wir bereiten uns in Europa vor. Die EU hat nun frühzeitig genug Impfstoff für 2022 und 2023 bestellt. Und wir bereiten jetzt schon die nächste Impfkampagne vor. Zu Beginn des Sommers will ich mit Ärzten, Ländern und Kommunen besprechen, wie wir das konkret organisieren sollten.

Der digitale Impfpass droht in Deutschland zum Fiasko zu werden. Kriegen Sie das wenigstens bis zum Sommer hin?

Wir liegen im Zeitplan. Bis Ende Juni steht das System. Europa setzt damit einen weltweiten Standard, weil der Impfpass nicht nur in einem, sondern in allen 27 EU-Ländern funktioniert.

Aber warum haben Sie es nicht geschafft, dass die Daten der Geimpften digital erfasst werden?

Der Vorschlag, ein zentrales Impfregister einzuführen, hat vergangenes Jahr einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Es ist ja richtig, dass wir großen Wert auf Datenschutz und Datensicherheit legen. Aber wir müssen in Deutschland unsere Angst vor nationalen Bürgerregistern überwinden, wenn wir bei der Digitalisierung vorankommen wollen.

Jetzt muss jeder, der schon geimpft ist, noch mal losrennen, um sich beim Arzt, in der Apotheke oder beim Impfzentrum den QR-Code für den digitalen Impfpass zu holen...

Das stimmt so nicht. Viele werden den QR-Code bei der Zweitimpfung direkt im Impfzentrum oder beim Arzt bekommen. Auch ein unkompliziertes Nachschicken per Post ist rechtlich möglich. Und für alle anderen schaffen wir auch die Möglichkeit, sich den digitalen Impfpass bei der Apotheke nebenan ausstellen zu lassen.

Würden Sie nach der Bundestagswahl gerne Gesundheitsminister bleiben?

Ich will auf jeden Fall weiter mithelfen, dass unser Land gut aus der Krise und erfolgreich in die 20er-Jahre kommt. Die letzten Monate haben mir eine größere innere Ruhe gegeben. Und sie haben meinen Willen gestärkt, einen positiven Unterschied machen zu wollen mit dem, was ich tue. Das geht besser, wenn man regiert.