Spahn: „Eine Booster-Impfung verstärkt und verlängert den Impfschutz“

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn spricht im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland über die geplanten Auffrischimpfungen und die Impfkampagne für Kinder und Jugendliche.

Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND): Herr Spahn, die Ständige Impfkommission hat nach wochenlangem Zögern eine Corona-Impfung ab 12 Jahren empfohlen. Wie erleichtert sind Sie?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn: Das ist ein wichtiger Schritt. Der Impfstoff war zwar schon vorher für 12-17-jährige zugelassen und eine Impfung möglich. Jetzt ist sie aber offiziell empfohlen. Darauf haben viele Eltern und Jugendliche gewartet. Und die Länder können jetzt noch gezielter als bisher Impfangebote für Kinder und Jugendliche machen, sei es in den Arztpraxen, in den Impfzentren oder durch mobile Teams in den Schulen.

Wird es spezielle Werbe- und Aufklärungskampagnen für Kinder und Jugendliche geben? 

Die Empfehlung hilft dabei, für die Impfung zu werben. Es bedarf jetzt noch einmal einer gemeinsamen Kraftanstrengung von Bund, Ländern und Kommunen, um der Impfkampagne neuen Schwung zu verleihen. Die Stiko sagt ausdrücklich, dass auch eine Impfung  von Kindern und Jugendlichen sinnvoll ist, um sich und andere zu schützen. Klar ist: Jeder der sich nicht impfen lässt, wird sich im Herbst oder Winter sehr wahrscheinlich mit dem Corona-Virus infizieren. Gerade auch, wenn man mit vielen anderen in Kontakt kommt, in der Schule oder öffentlichen Verkehrsmitteln zum Beispiel.

Können die Schulen im Regelunterricht bleiben?

Das ist das Ziel. Ich bin fest davon überzeugt, dass es geht - dass es im Interesse der Kinder gehen muss. Dafür sind Lüftungskonzepte nötig, AHA-Regeln und ein regelmäßiges Testen.

Tun die Länder genug dafür?

Die Länder versichern, dass sie die Voraussetzungen geschaffen haben, um Präsenzunterricht möglich zu machen. Dass der Regelunterricht oberste Priorität hat, ist doch allen klar. Überlegen Sie: Ein sechsjähriges Kind hat bald ein Viertel seines Lebens in der Pandemie mit Einschränkungen in Kita und Schule verbracht. Das ist kein tragbarer Zustand. 

Bei den letzten Beratungen der Länder mit der Kanzlerin hat sich Ihr Vorschlag einer „2G-Regel“, wonach Ungeimpfte in einer angespannten Pandemielage selbst mit einem Test keinen Zugang zu Restaurants oder Veranstaltungen bekommen, nicht durchgesetzt. Wird das nach der Wahl beschlossen?

Wir kommen sicher durch Herbst und Winter, wenn drei Bedingungen erfüllt werden: Erstens müssen sich genug Menschen impfen lassen. Zweitens müssen weiterhin die Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten werden, das schließt eine Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Geschäften ein. Und drittens muss die beschlossene 3G-Regel konsequent umgesetzt werden – nur Geimpfte, Genesene und Getestete hätten dann Zugang zu Restaurants oder Veranstaltungen.

Sie haben die Frage aber nicht beantwortet.

Weil die Antwort davon abhängt, wie konsequent wir sind. Unser Ziel ist, mit den drei genannten Maßnahmen die Infektionszahlen niedrig zu halten. 2G wird in vielen Bereichen zudem ohne staatlichen Eingriff kommen und zwar, weil Veranstalter und Gastronomen von Ihrem Hausrecht Gebrauch machen. Nehmen Sie den Karneval in Düsseldorf oder manche Fußballvereine. Klar ist zudem: Drei von vier Erwachsenen haben jetzt schon durch eine Impfung sichergestellt, dass es für sie keine weiteren Einschränkungen geben wird - weder Kontaktbegrenzungen, noch Ausgangssperren.

Das heißt im Umkehrschluss, dass ein Lockdown nur noch für Ungeimpfte in Frage kommt.

Für Geimpfte und Genesene kommt keine solche Einschränkung mehr. So ist heute die Rechtslage. Ich baue darauf, dass sich noch viele impfen lassen. Und wenn sie das tun, kommen wir sicher durch Herbst und Winter. Die Impfempfehlungen sind da, der Impfstoff ist da, die Impfkapazitäten sind da. Wir impfen uns gerade in die Freiheit zurück.

Warum wurde nicht zumindest der Vorschlag umgesetzt, für Ungeimpfte bei der 3G-Regel einen sicheren PCR-Test vorzuschreiben?

Regeln müssen alltagstauglich bleiben. Dort, wo die Menschen sehr engen Kontakt haben, also beispielsweise in Diskotheken, wird ein PCR-Test vielerorts bereits vorgeschrieben. Das halte ich auch für sinnvoll. Aber für den Restaurantbesuch reicht ein Schnelltest aus.

Welche Impfquote ist notwendig?

Das Robert-Koch-Institut hat das mit verschiedenen Annahmen modelliert. Wir müssen demnach bei den über 12-Jährigen deutlich über 70 Prozent erreichen, um sicher durch den Winter zu kommen. Leider sind wir da noch nicht. 

Was ist noch nötig, um die notwendig Quote zu erreichen?

Wir benötigen in den nächsten Wochen noch einmal eine gemeinsame Kraftanstrengung beim Impfen. Dabei sind alle gefordert: Länder, Kommunen, Verbände, Unternehmen, Gewerkschaften, Vereine. Der September ist der entscheidende Monat. Wer dann nicht geimpft ist, dem fehlt der volle Schutz für die Herbst- und Wintermonate.

Wann wird es Auffrischimpfungen geben?

Die Länder starten jetzt bereits schrittweise mit den Booster-Impfungen in den Pflegeeinrichtungen und für besonders gefährdete Menschen. Außerdem können sich diejenigen noch einmal impfen lassen, die bislang nur Vektorimpfstoffe bekommen haben. In einem zweiten Schritt können wir dann darüber nachdenken, auch allen anderen eine Auffrischimpfung anzubieten. Eine Booster-Impfung ist von den Zulassungen gedeckt, sie verstärkt und verlängert den Impfschutz. Impfstoff ist jedenfalls ausreichend vorhanden.

Sind dann nicht doch die Impfzentren weiter nötig?

Die wird es ja noch weiter geben. So haben es die Gesundheitsminister von Bund und Länder beschlossen. Ende September gehen viele Impfzentren allerdings in den Standby-Modus. Aber die Arztpraxen sind ja noch da. Allein die schaffen bis zu fünf Millionen Impfungen in der Woche.

Die Weltgesundheitsorganisation sieht eine dritte Impfung zum gegenwärtigen Zeitpunkt kritisch und fordert stattdessen eine Abgabe des Impfstoffs an die ärmeren Länder. Wäre das nicht tatsächlich sinnvoll?

Mein Ziel ist beides: Auffrischimpfungen gewährleisten und den ärmeren Staaten Impfstoff spenden. Letzteres machen wir bereits in großem Stil, indem alle noch ausstehenden Astrazeneca-Lieferungen direkt an die internationale Impfstoffinitiative Covax gehen. Außerdem wird auf der ganzen Welt die Produktion von mRNA-Impfstoffen hochgefahren. Wir werden die Zeit erleben, da Corona-Impfstoff weltweit im Überfluss vorhanden ist.